Letztes Update am Di, 26.11.2019 13:30

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Bericht vorgestellt

Häufung von Frauenmorden: Experten empfehlen Reihe von Maßnahmen

Arbeitslosigkeit, Trennung sowie Alkohol- und Drogenmissbrauch sind die größten Risikofaktoren für Morde an Frauen. Eine Expertengruppe empfiehlt der Politik Verbesserungen bei Gefährdungserkennung, Behördenvernetzung und Täterarbeit.

Der stv. Generaldirektor Öffentliche Sicherheit Franz Lang, Innenminister Wolfgang Peschorn, Frauenministerin Ines Stilling und Hanna Rumpold (Institut für Strafrecht und Kriminologie, Uni Wien) bei der Präsentation des Berichts.

© APADer stv. Generaldirektor Öffentliche Sicherheit Franz Lang, Innenminister Wolfgang Peschorn, Frauenministerin Ines Stilling und Hanna Rumpold (Institut für Strafrecht und Kriminologie, Uni Wien) bei der Präsentation des Berichts.



Wien – Nach einer Häufung von Frauenmorden Anfang dieses Jahres hat eine Expertengruppe vollendete und versuchte Tötungsdelikte minutiös untersucht. Arbeitslosigkeit sowie eine Trennung rangieren als Risikofaktoren an der Spitze, hieß es bei der Vorstellung des Berichts im Innenministerium. Die vorgeschlagenen Gegenmaßnahmen setzen bei Gefährdungserkennung, Behördenvernetzung und Täterarbeit an.

Die vom damaligen Innenminister Herbert Kickl (FPÖ) im Bundeskriminalamt (BK) eingesetzte Screening-Gruppe rollte alle geklärten Mordfälle auf, die von 1. Jänner 2018 bis 25. Jänner 2019 begangen wurden. Davon waren 55 vollendete Tötungsdelikte und die Opfer zu 66 Prozent weiblich. In 92 Prozent der Fälle kannten Opfer und Täter einander – 54 Prozent waren verwandt oder bekannt und 38 Prozent lebten entweder in einer Intimbeziehung bzw. in Trennung. Die Experten sollten „die speziellen Merkmale für den Anstieg der Morde feststellen“ und mit Fokus auf die Frauenmorde die Motiv- und Ausgangslage untersuchen, erläuterte Innenminister Wolfgang Peschorn.

BK-Chef räumt Vorurteil aus

Alle Opfer der in einer Beziehung verübten Tötungsdelikte waren weiblich, die Täter waren zu 50 Prozent fremde Staatsbürger. In 47 Prozent der Fälle war die Beziehung bereits beendet. Arbeitslosigkeit oder Frühpensionierungen (48 Prozent) sowie Trennung(sabsicht)en (46 Prozent) sind die häufigsten Risikofaktoren, gefolgt von Alkohol- oder Drogenmissbrauch (30 Prozent). Ein weiteres Alarmzeichen: In 44 Prozent der Fälle war bereits ein Betretungsverbot verhängt worden, bei 16 Prozent sogar mehrmals.

Bei den als Täter ermittelten „Fremden“ handelte es sich laut dem Bericht um Menschen ohne Aufenthaltsstatus (16 Prozent), EU-Bürger (13 Prozent), Asylwerber (neun Prozent) und Asylberechtigte bzw. subsidiär Schutzberechtigte (fünf Prozent). BK-Direktor Franz Lang war es zudem ein Anliegen, das Vorurteil auszuräumen, wonach tendenziell „fremdländische Täter inländische Opfer finden – das ist kaum der Fall“.

Kompetenzteams bei Polizeikommanden

Die Experten wollen der Polizei zur verbesserten Gefährdungserkennung ein methodisches Werkzeug zur Risikoeinschätzung in die Hand geben sowie einen Leitfaden für Vernehmungen nach Gewalt in der Partnerschaft. Bei den Bezirkspolizeikommanden sollen Kompetenzteams eingerichtet werden, sagte BK-Direktor Franz Lang: „Die 28.000 Polizisten draußen brauchen Rückfragemöglichkeiten.“

Eine bessere Zusammenarbeit der Behörden sollen eine Ausweitung der Leserechte im PAD (Polizeiprogramm zum Protokollieren von Anzeigen und Berichten) und eine Adaptierung der Gewaltschutzdatei im Hinblick auf die Risikoeinschätzung von Tätern bringen. Zudem wurde eine Evaluierungsstelle für Tötungsdelikte ins Spiel gebracht. Unter der Prämisse „Täterarbeit ist Opferschutz“ wird für eine Ausweitung der sogenannten Gefährderansprachen votiert sowie für verpflichtende Anti-Aggressionstrainings nach Betretungsverboten.

Deutlich mehr Budgetmittel notwendig

Erste Schritte zur Umsetzung der vorgeschlagenen neuen Maßnahmen würden schon in den nächsten Wochen gesetzt und an die kommende Regierung weitergereicht, versicherten Peschorn und Frauenministerin Ines Stilling. Auf die dafür notwendigen Mittel angesprochen, meinte Stilling, aktuell reiche das Budget „gerade einmal so“ für die Aufrechterhaltung des bestehenden Angebots. Für den Bereich Prävention könne gar nicht genug getan werden, meinte Peschorn.

Heuer sei die Anzahl der Morde insgesamt im Vergleich zum Vorjahr wieder rückläufig, fügte der Innenminister an. Von Jänner bis Oktober 2018 verzeichneten die Behörden demnach 57 Opfer (33 Frauen und 24 Männer), im Vergleichszeitraum 2019 waren es 51 Opfer (32 Frauen und 19 Männer), „ein Rückgang von rund zehn Prozent“, so Peschorn.

Tatwaffe Messer im Fokus

Bei der Prävention von Gewalttaten rückte zuletzt das Messer als Tatwaffe stark in den Fokus. In 59 Prozent der versuchten und vollendeten Tötungsdelikte, die die Expertengruppe untersucht hat, war eine Stichwaffe das Tatmittel. Die „ständige Verfügbarkeit einer Stichwaffe im öffentlichen Raum“ werde thematisiert werden müssen, sagte BK-Direktor Franz Lang. (APA)

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