Letztes Update am Do, 28.11.2019 07:33

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Justiz und Kriminalität

Gegen Gewalt an Frauen: Trennungszeit am gefährlichsten für Frauen

Viele Frauen trauen sich nicht, sich von einem gewalttätigen Partnern zu trennen. Gefährlich wird es für die betroffenen häufig nach der Trennung, wenn beide Partner noch einen Wohnsitz teilen.

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Wien – Die gefährlichste Zeit für eine Frau in einer Beziehung mit einem gewalttätigen Mann ist die, wenn sie sich trennen will und mit dem Partner noch unter einem Dach wohnt. Die Familienrechtsexpertin und Scheidungsanwältin Susanna Perl ist bei ihrer Arbeit häufig mit verschiedenen Formen der Gewalt konfrontiert, wie sie im APA-Gespräch berichtete. In den meisten Fällen sind Frauen betroffen.

„Was mich erschreckt ist, dass Frauen so lange in solchen Beziehungen bleiben und erst spät in die Rechtsberatung kommen“, meinte die Anwältin. Sie und ihr Partner sind in der Wiener Kanzlei jährlich mit rund 100 Scheidungsfällen befasst. Bei etwa der Hälfte davon komme es zu Gewalt. Schwere Fälle mit gefährlichen Situationen habe es in den vergangenen Jahren immer wieder gegeben. So habe einmal der Mann einer Klientin an die Wohnungstür getreten und geschlagen, in der sich die Frau mit den Kindern aufhielt, schilderte Perl. Die Polizei verhinderte Schlimmeres, der Aggressor wurde für die Dauer des Scheidungsverfahrens weggewiesen.

Bei einem neuen Partner der regiert Exmann häufiger mit Gewalt

Hat die Frau einen neuen Partner, reagiere der Exmann eher mit Gewalt, wie aus ihrer Erfahrung hervorgehe, meinte die Anwältin. „Der Mann hat Besitzansprüche gegenüber der Frau und Angst, dass sie ihm die Kinder wegnehmen will“, schätzte sie die Motive ein. Bei einer Trennung bzw. Scheidung verliere er sein gesamtes Familiengefüge, dazu komme „verletzte Eitelkeit“. Vorher festzustellen, ob jemand Gewalt ausüben werde, sei jedoch schwierig. „Im persönlichen Gespräch sehe ich zwar schon, wie aufbrausend jemand ist. Aber wir kennen die Persönlichkeitsstruktur der Männer nicht, und auf diese kommt es an, wie jemand mit der Situation umgeht.“ Die Zahl der Fälle, in denen es zu Gewalt kommt, sei in ihrer Kanzlei in den letzten Jahren in etwa gleich geblieben, schätzt die Anwältin.

Wenn Frauen über weniger Geld verfügen ist der Schritt zur Trennung schwieriger

Viele Frauen in Gewaltbeziehungen trauen sich gar nicht, sich zu trennen und auszuziehen, sagte Perl. Dieser Schritt sei schwer, wenn die Frauen emotional und ökonomisch abhängig sind und oft nicht wissen, wohin sie überhaupt gehen sollen. Vor allem, wenn sie über wenig Geld verfügen. Für ältere Frauen sei es eine Existenzfrage, wenn sie nur wenige Pensionsjahre haben. „Man nimmt nicht einfach die Kinder und haut ab, viele zögern“, beschrieb Perl. Frauen, die sich zu einer Scheidung entschließen, rät sie, zunächst einen Haushaltsplan zu erstellen und Informationen zu sammeln – „zu schauen, wieviel Geld habe ich zur Verfügung, wieviel Unterhaltsanspruch besteht, wie hoch sind meine Fixkosten“ – dann könne ein entsprechendes Dokument an den Partner aufgesetzt werden. Die meisten Scheidungen sind laut Perl einvernehmlich, andernfalls werde Scheidungsklage eingereicht.

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Hier gibt's Hilfe:

Frauen, die Gewalt erleben, finden Hilfe und Informationen bei der Frauenhelpline unter:

  • 0800/222 555 (kostenlos und rund um die Uhr), www.frauenhelpline.at
  • beim Verein Autonome Österreichische Frauenhäuser (AÖF) unter www.aoef.at
  • Betroffene von Gewalttaten und Verbrechen können sich an die Opferschutzorganisation Weißer Ring wenden unter der Tel.: 0800/112-112, www.opfernotruf.at
  • droht akute Gewalt, rufen Sie sofort den Polizeinotruf unter 133 oder 112.
  • Gehörlose und Hörbehinderte können per SMS an 0800/133 133 Hilfe rufen.

Wichtig sei es für sie, „die Mandantin gut zu begleiten, zu schauen, was ist ihr zumutbar, was schafft sie“. Oft sei es der Fall, dass sich der Mann im Gerichtsverfahren „besser verkaufen“ könne. Durch die erfahrene Gewalt seien die Frauen oft schon so stark belastet, dass sie das Gerichtsverfahren emotional kaum durchstehen. Perl rät außerdem dazu, alles möglichst gut zu dokumentieren, etwa bei sexuellen Übergriffen gebe es sonst oft Probleme beim Beweis. Die Strafverschärfungen des noch von ÖVP und FPÖ im Nationalrat beschlossenen Gewaltschutzpakets schrecken Täter wohl nicht ab, meinte die Anwältin. (APA)