Letztes Update am Mi, 04.12.2019 08:59

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Prozess

Vater nach Missbrauch erstochen: Russischen Schwestern droht lebenslang

In vielen Ländern der Welt protestieren Frauen gegen mangelnden Schutz vor häuslicher Gewalt. In Russland erregt ein dramatischer Vatermord die Gemüter: Drei Schwestern bringen nach einem jahrelange Missbrauchsmartyrium ihren gewalttätigen Vater um. Zwei von ihnen droht nun lebenslange Haft.

(Symbolfoto)

© iStockphoto(Symbolfoto)



Moskau – Weil drei russische Schwestern ihren Vater nach jahrelangem Missbrauch gemeinsam erstochen haben, droht den beiden älteren eine Mordanklage, der jüngeren eine Einweisung in die Psychiatrie. Krestina, Angelina und Maria Chatschaturjan, hatten ihren Vater Michail im Juli 2018 mit dutzenden Messerstichen getötet. Sie waren zum Tatzeitpunkt 17, 18 und 19 Jahre alt, den damals volljährigen Schwestern drohen nun eine Verurteilung wegen Mordes und Verschwörung zum Mord und damit bis zu 20 Jahre Haft.

Hinweise wurden von Polizei nicht ernst genommen

Die Ermittlungen hätten ergeben, dass die Schwestern ihren Vater mit Messerstichen und Hammerschlägen ermordet hätten, erklärte das russische Ermittlungskomitee. Es gebe zwar „mildernde Umstände“, aber die beiden älteren Schwestern hätten die Tat mit klarem Verstand und vollem Bewusstsein über die Folgen begangen. Für die jüngste Schwester Maria empfahlen die Ermittler eine Zwangseinweisung in die Psychiatrie. Zuvor hatten die Verteidiger noch auf eine Einstellung des Verfahrens wegen Notwehr gehofft.

Der Anwalt der Schwestern, Alexej Lipzer, hatte im Sommer geschildert, die Mädchen seien „praktisch jeden Tag“ von ihrem Vater geschlagen worden. Er habe sie regelmäßig sexuell missbraucht und mit einer Luftpistole auf sie geschossen. Nach Angaben von Anwälten holte Michail Chatschaturjan im vergangenen Jahr jedes Mädchen einzeln in sein Zimmer und besprühte sie mit Pfefferspray. Die Älteste wäre dabei beinahe erstickt. Nachbarn und Verwandte wandten sich an die Polizei, wurden jedoch nicht ernst genommen. Lipzer zufolge hatte Michail Chatschaturjan „gute Beziehungen“ zu Beamten der Strafverfolgungsbehörden.

Putin-Dekret von 2017: Strafen für häusliche Gewalt abgeschwächt

2016 versuchte Krestina Chatschaturjan, sich umzubringen, ihre Schwestern retteten sie jedoch. Die beiden älteren Mädchen seien danach zu dem Schluss gekommen, „dass eine von ihnen sterben würde, wenn sie nicht handeln“, sagte Lipzer. In der Tatnacht warteten sie, bis ihr Vater eingeschlafen war und stachen dann dutzende Male auf ihn ein.

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Auch Aktivisten argumentieren, die Schwestern seien gezwungen gewesen, ihren Vater zu töten, um ihr Leben zu retten. Sie prangern den mangelhaften Rechtsschutz für Missbrauchsopfer in Russland an, der in den vergangenen Jahren weiter ausgehöhlt wurde.

2017 erließ der russische Präsident Wladimir Putin ein Dekret, das die Strafe für Misshandlungen innerhalb der Familie abschwächte. Gegen Ersttäter wird seitdem nur noch eine Geldstrafe statt einer Haftstrafe verhängt. Menschenrechtsaktivisten werfen der Polizei vor, Fälle häuslicher Gewalt häufig nicht zu verfolgen. Frauen, die sich mit Gewalt zur Wehr setzen, drohen hingegen harte Strafen. (AFP)