Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 27.11.2014


Innsbruck

Innsbrucker Gemeinderat bunkerte 2,7 Kilo Cannabis im Safe

Werbefeldzug für die Cannabis-Legalisierung endete mit Hausdurchsuchung beim Chef der Innsbrucker Inn Piraten.

© DPALegales Cannabis-Rauchen im Rahmen einer medizinischen Studie versprachen die Inn Piraten. Offenbar ein leeres Versprechen.Foto: APA/dpa/Leukert



Von Thomas Hörmann

Innsbruck – Der Inhalt des Panzerschranks hatte Groß­dealer-Format: Tatsächlich aber war’s der Safe in der Wohnung des Innsbrucker Gemeinderates Alexander Ofer, in dem Ermittler des Landeskriminalamtes am Dienstag bei einer Hausdurchsuchung kiloweise Suchtgift sicherstellten: 2200 Gramm Marihuana, 500 Gramm Haschisch, 13 Gramm Kokain und 34.000 €.

Die Hausdurchsuchung war der vorläufige Höhepunkt wochenlanger Ermittlungen. Bereits Anfang Oktober interessierte sich das Bundeskriminalamt in Wien für das „politische Programm“ von Ofers Partei „Inn Piraten“: Unter dem Titel THC4all (THC ist die chemische Bezeichnung für den Wirkstoff im Cannabis; Anm.) propagierte der Gemeinderat die Teilnahme an einer angeblichen wissenschaftlichen Studie. Die Botschaft des Werbevideos: Wer daran teilnehme, könne legal Marihuana und Co. konsumieren und „ist vor der Polizei geschützt“, so Gemeinderat Ofer. Teilnehmern an der Studie versprachen die Inn Piraten eine Mitgliedskarte. Und die sei quasi auch die „Lizenz zum Kiffen“ und im Fall einer Kontrolle vorzuweisen. Eine 17-jährige Oberösterreicherin nahm die Botschaft allzu wörtlich und rauchte in einer Welser Berufsschule einen Joint. Von einem Lehrer zur Rede gestellt, erklärte die Jugendliche, Probandin bei THC­4all zu sein. Als Beweis legte sie die Mitgliedskarte vor.

Das Problem: Eine wissenschaftliche Studie muss bestimmte Kriterien erfüllen und beispielsweise durch die Ethikkommission abgesegnet werden. „Die Voraussetzungen für eine derartige Studie sind nach unserem Wissen nicht gegeben“, sagt dazu Hansjörg Mayer, Sprecher der Innsbrucker Staatsanwaltschaft. Das räumt auch Ofers Parteifreund, Jurist und Ersatzgemeinderat Heinrich Stemeseder ein: „Wir wollten auf unser Risiko eine Aktion starten, um darauf aufmerksam zu machen, dass jeder ein Anrecht auf die alte Heilpflanze Hanf haben sollte.“

Ofer kündigte die Gründung einer Hanfbank in Innsbruck an, geplante Eröffnung am 22. Dezember. Teilnehmer an der THC4all-Studie hätten dann die Möglichkeit, für einen Unterstützungsbeitrag von drei Euro ein Gramm Cannabis bei dieser Einrichtung zu beziehen. „Wir planen, mit einem Panzerwagen durch Tirol zu fahren und das Weed (Cannabis; Anm.) zu verteilen“, erläutert Stemeseder das Konzept der Bank. Finanziert werde die Aktion durch Sponsoren und Unterstützungsbeiträge.

THC4all ist angeblich ein voller Erfolg: „2000 Personen haben sich als Teilnehmer an der Studie bereits angemeldet“, bestätigt Stemeseder. Etliche beschwerten sich allerdings, weil sie trotz Bezahlung von 25 € noch immer auf ihre Mitgliedskarte warten. Auch ein verdeckter Polizeiermittler ging angeblich leer aus. „Wir haben noch keinen Euro ausgegeben, das Crowdfunding-Geld ist vollständig vorhanden“, wehrt sich Stemeseder gegen Betrugsvorwürfe.

Gemeinderat Ofer ist im Ausland und will dort vorerst auch bleiben. Er kündigte an, sich in psychiatrische Behandlung begeben zu wollen.

„Natürlich gibt es Abhängigkeit“

Den Cannabis-Konsum entkriminalisieren, aber nicht freigeben. Wolfgang Fleischhacker, Direktor der Universitätsklinik für Psychiatrie, in dessen Zuständigkeit damit auch die Drogenambulanz an der Klinik fällt, hat eine klare Meinung zu den immer wiederkehrenden Diskussionen. Dabei geht es ihm vor allem um eines: „Es geht hier einfach um ein Suchtmittel. Wir haben schon genug Probleme mit legalen Drogen. Wir werden uns nicht zusätzliche einhandeln, indem wir bisher illegale Substanzen freigeben.“

Und der Konsum würde natürlich steigen, wenn Cannabis legalisiert werden würde. „Wie jedes Suchtmittel kann auch Cannabis zur Abhängigkeit führen“, erklärt der Experte. Gleichzeitig sei eine Suchterkrankung, wie das Wort schon sage, eben eine Krankheit – „wie etwa auch eine Alkoholabhängigkeit“. Ohnehin schon kranke Menschen sollten nicht auch noch durch Probleme mit dem Gesetz belastet werden. „Ich halte es für problematisch, den Konsum zu kriminalisieren. Weil viele junge Menschen, die einmal oder ein paarmal Cannabis konsumieren, dadurch mit dem Strafrecht in Konflikt geraten. Und das ist für einen 14-, 15- oder auch 25-Jährigen eine Katastrophe.“ Die Geschichte der Menschheit habe zudem gezeigt, dass eine Kriminalisierung nicht hilfreich im Umgang mit Suchtmitteln sei.

Genaue Zahlen zum Cannabis-Konsum sind kaum erhältlich. Allgemein geht man davon aus, dass 30 Prozent der Burschen und 27 Prozent der Mädchen im Alter von 17 Jahren schon Cannabis probiert haben. Drei Prozent davon bekommen dadurch später dann ein Abhängigkeitsproblem. (mw)