Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 16.06.2017


Exklusiv

Verkehrsteilnehmer werden immer aggressiver

Die Aggressivität im Straßenverkehr steigt immer weiter an. Das zeigt nicht nur eine Studie des Kuratoriums für Verkehrssicherheit, sondern auch die Praxis der Polizei. Doch was kann man dagegen eigentlich tun?

Schnell auf 180 – nicht nur am Tacho: Auch die Tiroler werden im Straßenverkehr immer aggressiver und rücksichtsloser.

© iStockSchnell auf 180 – nicht nur am Tacho: Auch die Tiroler werden im Straßenverkehr immer aggressiver und rücksichtsloser.



Von Marco Witting

Innsbruck – Von 0 auf 180 in zwei Sekunden. Doch nicht die Beschleunigung des Fahrzeugs ist gemeint, sondern die des Pulses. Aggressives Fahrverhalten wird auf Österreichs Straßen von den Verkehrsteilnehmern immer stärker wahrgenommen. Drängeln, Schneiden, Rasen, Fluchen, Drohen, im schlimmsten Fall sogar Zuschlagen – eine aktuelle Studie des Kuratoriums für Verkehrssicherheit (KfV) zeigt, dass die Wut hinterm Steuer vermehrt mit Unfällen in Zusammenhang steht.

Eines zeigt die Studie klar, und auch viele Experten bestätigen es: Aggressives Verhalten im Straßenverkehr nimmt zu. „Das äußert sich in Form von dichtem Auffahren, Einscheren oder fehlendem Anhalten für Fußgänger an Zebrastreifen. Solche Verhaltensweisen sind aber nicht nur unhöflich, sondern vor allem sehr gefährlich“, sagt Klaus Robatsch vom KfV. Die Untersuchung zeigt auch, dass aggressives Fahren mit größerer Unaufmerksamkeit, häufigeren Fahrfehlern und vermehrter Unfallbeteiligung einhergeht. Und das ganz unabhängig davon, wie viele Kilometer ein Lenker im Jahr fährt.

Auffahren und Drängeln, dieses Verhalten wird auf der Straße am häufigsten mit Aggression assoziiert – und hier gibt es auch die größten Unterschiede in der Eigen- und Fremdwahrnehmung. Und dieses Verhalten löst auch den größten Ärger insgesamt aus. Die Studie des Kuratoriums erhob auch, wer rücksichtsloser im Verkehr ist und wer weniger. Kurz gesagt: Männer und Personen aus größeren Wohnorten weisen höhere Aggressionswerte auf.

Markus Widmann, Chef der Landesverkehrsabteilung der Tiroler Polizei, stellt mit seinen Kollegen im Streifendienst fest, dass „die Aggressivität im Straßenverkehr leider zunimmt“. Es gebe immer wieder auch Fälle, wo die Polizei gerufen wird, weil sich Verkehrsteilnehmer „in die Haare geraten“. Zeitdruck in Verbindung mit hohen Verkehrsfrequenzen, Behinderungen durch Baustellen oder Staus, das Fahrverhalten anderer oder verschiedene Provokationen sind oft der Grundstein für so manche Rücksichtslosigkeit auf den Straßen.

Stellt die Polizei derart gravierendes Fehlverhalten fest, „wird dagegen konsequent mit Anzeigen – und wo dies vorgesehen ist auch mit vorläufigen Führerscheinabnahmen – vorgegangen“, sagt Widmann. Es kommt zu entsprechenden Verfahren. Die Polizei versucht nach Angaben von Widmann aber auch, gleich an Ort und Stelle den Lenkern deren Verhalten bewusst zu machen. Doch der erfahrene Beamte erklärt auch: „Auch wenn in aller Regel gegenüber der Polizei Einsicht gezeigt wird, bleiben bei uns vielfach Zweifel, ob diese Einsicht aus Überzeugung erfolgt und ernst gemeint ist bzw. wie lange sie anhält.“

Doch warum gibt es diese Aggression, woher kommt sie? Ilsemarie Kurzthaler, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin an der Klinik und Vizepräsidentin der Ärztlichen Kraftfahrzeugvereinigung Österreichs, sagt: „Ein Verhalten im Straßenverkehr ist dann aggressiv, wenn es andere Verkehrsteilnehmer zu schädigen beabsichtigt oder wenn es die Durchsetzung eigener Ziele (z. B. Zeitgewinn) intendiert, zu deren Erreichung die Schädigung anderer in Kauf genommen wird.“ Im Straßenverkehr würden einige ungünstige Bedingungen zusammentreffen, die sonst nur vereinzelt auftreten. So verstärken sich viele Einflüsse, die dann in Kombination mit provokativ und/oder aggressiv erlebten Reizen letztlich zu aggressivem Verhalten führen. Das sind einerseits physiologische Erregungen, wie das Autofahren selbst, Lärm, Ärger in der Arbeit, dazu Handy, Navi und Co. im Auto. Andererseits trage auch die räumliche Enge dazu bei. „Der Zusammenhang von erhöhter Verkehrsdichte und vermehrt aggressiven Verhaltensweisen gilt als wissenschaftlich belegt“, sagt Kurztahler. Geschlechterunterschiede lassen sich hierbei nicht erkennen.

Und: Je anonymer das Umfeld, desto mehr wird der Aggression freier Lauf gelassen. „Der Zeitdruck wird immer größer. Die Leute wollen ihr Ziel schnellstmöglich erreichen und dafür ist jedes Mittel recht.“ Auch Kurzthaler erkennt vor allem Männer, junge Autofahrer und Personen, die sich als gute Autofahrer einschätzen als jene Verkehrsteilnehmer, die bewusst aggressiver sind und deutlich mehr Verkehrsübertretungen begehen.

Und wie könnte man dem begegnen? Kurzthaler: „Man muss Verkehrsteilnehmer für diese Thematik sensibilisieren, ihnen helfen, ihre Interpretationsneigung zu reflektieren und sie so davon abhalten, Verhaltensweisen anderer stets als immer gegen sich selbst gerichtet und immer nur bei den anderen wahrzunehmen.“ Doch die Expertin hätte noch weitere Vorschläge: Sicherheitstrainings zur Möglichkeit der Selbstreflexion des eigenen Verhaltens. Und eine „verpflichtende verkehrspsychologische Spezialprävention nach Auffälligkeiten im Straßenverkehr“ sowie „die Verkehrsregeln vereinfachen und an konkrete Situationen anpassen“.