Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 09.07.2017


Tirol

„Radler sind nicht Straßenbenützer zweiter Klasse“

Radfahrer leben gefährlich: Fünf Tote waren vergangenes Jahr in Tirol zu beklagen. Immer mehr Radsportler rufen zu mehr Respekt auf.

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© Getty Images/iStockphoto



Von A. Plank u. S. Strobl

Innsbruck – Der Radsport war heuer im Frühjahr mit einer Serie von tödlichen Unfällen – drei Athleten starben auf Italiens Straßen – konfrontiert. Zudem häufen sich brenzlige Situationen und Auseinandersetzungen zwischen Straßenrad- und Autofahrern. Das führte in den sozialen Netzwerken zu dramatischen Hilferufen wie: „Hinter jedem Radfahrer steckt ein Mensch.“ Radprofi Eva Wutti erzählt aus der Praxis hierzulande: „Die Straßen in Österreich sind nicht breit genug, zwei Autos und ein Rad haben nicht nebeneinander Platz.“ Die Kärntnerin ist derzeit die schnellste österreichische Triathletin auf der Ironman-Distanz. Auch sie wurde vor Kurzem beim Training von einem Auto angefahren, kam aber mit Prellungen und einem kaputten Rad davon. Der Autofahrer bog nach einem Überholmanöver rechts ab und erfasste die Radfahrerin.

Viele Autofahrer würden die eigene Geschwindigkeit und die des Radfahrers unterschätzen, meint Wutti. Es herrsche auch viel Ungeduld. „Autofahrer beschweren sich, dass sie durch Radfahrer ausgebremst werden. Vielleicht müssen sie eine halbe Minute warten, bis sie das Überholmanöver starten können. Verkehrsampeln halten wohl länger auf.“ Die Triathlonsiegerin von Klagenfurt will weniger auf Gesetze pochen, als auf Bewusstseinsbildung setzen. So ist das Nebeneinanderfahren von Radlern zwar zu Trainingszwecken vorgesehen, aber vielen Autofahrern das größte Ärgernis. „Dabei sind zwei Radfahrer nebeneinander sicherer unterwegs. Es geht nicht darum, Autofahrer zu ärgern. Die Situation ist auch für Autofahrer günstiger, weil sie unter einmal schneller überholen können.“

Wer als Radfahrer Toleranz einfordere, müsse sie selbst zeigen, meint Wutt­i. Unpassendes Verhalten, wie Ampeln bei Rot zu überqueren oder in der Mitte der Straße zu fahren, beobachtet sie natürlich bei Radfahrerkollegen.

Rennradfahren boomt in Tirol. Tourismusvertreter versprechen 4000 Kilometer zum Abspulen. Der Straßenalltag sieht freilich anders aus: Wortgefechte, Spritzwasserattacken, Handgreiflichkeiten, Fahrerflucht. All das ist dem passionierten Tiroler Rennradfahrer Christoph Kluge bekannt. „Autofahrer werden immer aggressiver. Das sehe ich in meiner zwanzigjährigen Erfahrung im Radsport. Viele Menschen fühlen sich im Auto anonym. Oft ist Rücksichtslosigkeit mit Unwissen und Angst vor Hindernissen verbunden.“ Spritzwasser im Gesicht sei vernachlässigbar, ihm bereitet das knappe Vorbeifahren der Autos mehr Sorgen: „Ein Meter Abstand ist das mindeste. 1,5 Meter sind Utopie, 15 Zentimeter leider oft die Realität.“ Der Sog bei einer Geschwindigkeit des Autos von 70 km/h sei vor allem für ältere Radfahrer, die leichter erschrecken, gefährlich. Als Hotspots sieht Kluge die verkehrsreiche B171 im Unterland und die Strecke Kranebitten – Zirl.

Die jüngsten Aufrufe stimmen den Radsportler nicht nur optimistisch. Initiativen, die forderten, mehr Abstand zum Radfahrer zu halten, habe es schon vor Jahren gegeben. „Es werden wohl noch mehr Unfälle passieren müssen, bis nachgedacht wird“, lautet sein Fazit. Die Statistik spricht eine traurige Sprache: Rund ein Viertel der Personen, die im vergangenen Jahr im Straßenverkehr verletzt wurden, waren Radfahrer. Es waren fünf Todesopfer zu beklagen (siehe unten).

Initiativ werden will indes SP-Landtagsabgeordneter Thomas Pupp, selbst begeisterter Straßenradler. Er tritt dafür ein, dass auch in Tirol eine spezielle Aktion durchgeführt wird, die auf den nötigen Abstand beim Überholen aufmerksam macht. „Es geht um die Bewusstseinsbildung, die zu mehr gegenseitigem Respekt führt“, so Pupp.

Die Forderung nach 1,5 Metern Sicherheitsabstand zu den Radfahrern sei international und hätte in England ihren Anfang genommen. Boshafte Zeitgenossen, die etwa die Scheibenwaschanlage beim Überholen aktivieren, werde das zwar nicht berühren, Pupp will aber dem Großteil der Autofahrer keine bösen Absichten unterstellen. „Viele können die Geschwindigkeit von Straßenradfahrern nur schwer einschätzen. Man ist in der Ebene schnell mit 50 km/h unterwegs.“ Für Pupp steht fest, dass Radfahrer nicht als Straßenbenützer zweiter Klasse gesehen werden dürften. Bei Unfällen sei meist der Radfahrer der Leidtragende. Auf die Verletzlichkeit der Radler bittet auch der Tiroler ÖAMTC-Chef Andreas Heis Bedacht zu nehmen. „Radfahrer sind ungeschützt, das müssen die Autolenker wissen. Die Radler müssen im Hinterkopf behalten, dass es nichts nützt, wenn sie im Recht gewesen wären und sie in der Klinik landen.“ Es wäre etwa nicht klug, auf unübersichtlichen Strecken als Radler im Pulk zu fahren. Rücksicht sei das Schlüsselwort. „Es gibt kaum Menschen, die nur Radler oder nur Autofahrer sind. Es sollte nicht schwer sein, sich in den anderen hineinzudenken“, so Heis.

Von der Aktion 1,5 Meter Abstand hält er wenig. „Ich kenne kaum Menschen, die Abstände korrekt abschätzen. Es geht darum, sich rücksichtsvoll und der Situation angepasst zu verhalten.“