Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 05.11.2017


Verkehr

„Nicht ohne mein Auto!“ Ganz Tirol steht im Stau

2017 ist das Jahr der Staus. Schuld daran sind nicht nur die Lkw-Kolonnen, sondern auch der Privatverkehr. Ausflüge, Kurzurlaube, Einkaufsfahrten – immer öfter heißt es dann: Nichts geht mehr.

© Getty Images/VettaGerade Pendler sitzen oft alleine im Auto und legen nur kurze Strecken zurück. Eingebremst werden sie von den vielen Staus – auch außerhalb der Rushhour.Foto: iStock



Von Kathrin Siller

Innsbruck – Die A13 an einem sommerlichen Freitag: Stau. Am Zirler Berg: Kolonnen. Der Fernpass: eine einzige Blechlawine. „Wie die Hamster im Käfig! Wir kommen gar nicht mehr raus aus dem Land!“, regen sich viele Tiroler auf. Zumindest was das heurige Jahr angeht, lässt sich dieses subjektive Gefühl mit nackten Zahlen bestätigen. „Zwischen 2012 und 2016 hat der Gesamtverkehr auf dem Brennerkorridor jährlich um durchschnittlich 1,2 Prozent zugenommen. 2017 aber waren es etwa drei Prozent“, fasst Asfinag-Geschäftsführer Stefan Siegele zusammen.

Die Lkw spielen natürlich eine große Rolle (zwischen fünf und sechs Prozent plus). Nicht unschuldig an den Kolonnen sind aber auch die Autofahrer, sprich: wir alle. „Stehe ich in einem Stau, bin ich eben auch Teil des Staus“, spielt Ekkehard Allinger-Csollich, Chef der Verkehrsplanung des Landes, auf die gesteigerte Freizeitmobilität an. Das bedeutet: Wir stehen heute nicht selten sogar an normalen Werktagen im Stau – und nicht nur zu den Stoßzeiten. Vor zehn Jahren wäre das undenkbar gewesen.

Im heurigen Sommer bekam Tirol zusätzlich die internationale Unsicherheitslage zu spüren. Italien statt Hawaii, Kroatien statt Türkei, Südtirol statt Ägypten. Die Urlauberwelle rollte durch Tirol. Der Trend zu Kurzurlauben verschärft die Situation weiter: ein Wochenende am Gardasee, drei Tage wellnessen im Allgäu – Stau inklusive.

„Der billige Sprit unterstützt diese Entwicklung“, erklärt Christian Gratzer vom Verkehrsclub Österreich (VCÖ). „Der Liter Diesel kostet heute um 35 Cent weniger als vor vier Jahren. Würden sich die Spritpreise um zehn Prozent erhöhen, gäbe es drei Prozent weniger Verkehr“, rechnet Gratzer vor.

Eine Mitschuld an der Verkehrsmisere trägt der Besetzungsgrad in den privaten Pkw: „Heute sitzen in zehn Autos elf Personen. Würden sich diese elf auf neun Autos aufteilen, hätten wir bereits zehn Prozent weniger Verkehr“, sagt Allinger-Csollich. Im Ausflugsverkehr sieht das Bild nicht viel besser aus, die Autos sind selten gefüllt.

Da braucht es schon viel Bewusstseinsbildung, um jemanden von der Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel zu überzeugen. Und selbst wenn die Österreicher Europameister in Sachen Öffi-­Nutzung sind, es gibt noch viel Luft nach oben. „Gerade wenn es neue, ungewohnte Wege sind, denken viele Menschen nicht an die Möglichkeit, auf Öffis umzusteigen“, bemängelt Gratzer. Das heißt: Schuld an den Autoschlangen ist die eigene Bequemlichkeit und nicht primär die gefühlt dreizehnte Baustelle.

Laut Siegele von der Asfinag gab es im Übrigen heuer gar nicht mehr Baustellen als in anderen Jahren. „Der Stau entsteht dann wegen der Überlastung und nicht wegen der Baustelle.“ Betriebliche Erhaltungsaufgaben wie Mäh- oder Reinigungsarbeiten würden aufgrund des gesteigerten Verkehrsaufkommens eh schon vielfach in der Nacht erledigt.

Mehr Verkehr und Staus führen zwangsläufig zu mehr brenzligen Situationen, z. B. Auffahrunfällen infolge mangelnder Aufmerksamkeit. „Auf der A12/A13/S16 gab es heuer von Jänner bis September deutlich mehr Unfälle mit Personenschaden als in den Vergleichszeiträumen 2016 und 2015“, sagt Oberst Markus Widmann von der Verkehrsabteilung des Landespolizeikommandos.

„Unfälle führen zwangsläufig auch wiederum zu weiteren Staus und Behinderungen. Bis der Verkehrsunfall polizeilich aufgenommen ist, die Unfallfahrzeuge geborgen sind und die Fahrbahn wieder gereinigt ist, vergehen zumindest etwa 30 bis 60 Minuten. So lange sind Fahrstreifen der Autobahn entweder zum Teil oder unter Umständen auch zur Gänze blockiert“, erklärt Widmann.

Die Frage, was die Verkehrsplaner an der Misere ändern können, sieht Allinger-Csollich zwiespältig: „Wir haben natürlich mehrere Möglichkeiten, dem Problem zu begegnen, z. B. der bekannte Ruf, die Infrastruktur auszubauen. Aber auch neue Straßen sind schnell wieder überlastet und belasten.“ Man müsse an der Wurzel ansetzen, und da sei u. a. die Raumordnung gefragt. VCÖ-Sprecher Gratzer sieht das gleich: „Die Raumordnung ist ein sehr wichtiger Faktor für den Verkehr. Wenn zum Beispiel die Nahversorger wegfallen und die Menschen an den Ortsrand zum Einkaufen fahren, gibt es mehr Verkehr.“

Ob er sich Sorgen um die Zukunft der Mobilität mache, fragen wir Stefan Siegele: „Es ist eine Herausforderung, sich diesen Themen zu stellen. Wir arbeiten daran. Aber wenn der Verkehr in den nächsten fünf Jahren in diesem Tempo zunimmt, bekommt die Verfügbarkeit des Netzes ein Problem“, räumt er ein.

Allinger-Csollich sieht auch den Einzelnen in der Verantwortung: „Mobilität ist ein beschränktes Gut, ein Rohstoff-Faktor. Der steht uns nicht unbeschränkt zur Verfügung.“




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