Letztes Update am Di, 26.12.2017 07:12

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Massiver Felssturz

130 Menschen sitzen fest: Hang im Valsertal als gefährlich bekannt

Nach einem der gewaltigsten Felsstürze der letzten Jahrzehnte in Tirol wurde am Montag das Sperrgebiet im Valsertal ausgeweitet, da es immer wieder zu Abbrüchen kam. Nur in „absoluten Notfällen“ kann ein Forstweg von Blaulichtorganisationen genützt werden. Es könnten jederzeit neue Felsstürze abgehen.

© zeitungsfoto.atGeröll, Erdmassen und Bäume gingen auf einer Länge von rund 150 Metern auf die Valser Landesstraße ab.



Vals, Innsbruck - Der gewaltige Felssturz im Valsertal kam überraschend – auch wenn der betroffene Berghang als gefährlich bekannt war. „Niemand hätte die Situation für so extrem gehalten“, erklärte der Tiroler Landesgeologe Gunther Heißel gegenüber der APA. Gleichzeitig bestätigte er, dass Maßnahmen entlang der Landesstraße bereits „relativ weit in der Planung“ gewesen seien. Dazu kam es allerings – wie berichtet – nicht: Große Felsmassen, Erdreich und Bäume waren am Sonntag um 18.17 Uhr im Bereich „Wiesle“ auf einer Länge von rund 150 Metern auf die Valser Landesstraße abgegangen. Dadurch war die Straße meterhoch verschüttet worden. Der betroffene Bereich wurde weiträumig abgesperrt und evakuiert. Knapp 40 Personen mussten am Abend aus zwölf Häusern in Sicherheit gebracht werden. Auch der Valser Bach wurde von den Felsmassen verlegt. Jederzeit müsse mit neuen Felsstürzen gerechnet werden, warnten die Experten.

Kinder entgingen nur knapp Tragödie

Wenige Minuten vor dem Felssturz hatten mehrere Kinder die betroffene Stelle auf dem Weg zur Christmette passiert. Sie und auch andere Bewohner des Tales blieben zum Glück unverletzt. Auf Bildern ist zu sehen, dass die Geröllmassen genau zwischen zwei Siedlungen niedergegangen waren.

Nach dem gewaltigen Felssturz blieb die Lage am Christtag höchst angespannt. Heißel erklärte am frühen Nachmittag gegenüber TT-Online, dass der Berg seit dem Vormittag wieder massiv in Bewegung sei. „Es war in der Früh zunächst ruhig, aber im Lauf des Vormittags hat sich ein Spalt in der Wand von zehn Zentimetern auf drei bis vier Meter vergrößert.“ Damit bleiben nicht nur die 80 Menschen, die sich derzeit im Talinneren aufhalten, von der Außenwelt abgeschnitten. Auch die 50 Bewohner des Weilers Padaun sitzen aufgrund des erweiterten Sperrgebiets nun fest – nur wenige Stunden nachdem die Straße zunächst wieder freigegeben worden war.

Verkettung mehrerer Umstände als Ursache

Nach drei Erkundungsflügen über das Gefahrengebiet sieht der Landesgeologe eine Verkettung mehrerer Umstände als Ursache. „Erstens das Gestein selbst: Es handelt sich um schwarzen Schiefer, der auch im trockenen Zustand extrem rutschfreudig ist. Wenn Wasser hinzukommt, gibt es kein Halten mehr. Zweitens das sehr steile Gelände und drittens hat es diesen Sommer extrem geregnet, da war noch Restfeuchtigkeit im Berg drin. Wenn es zu Temperaturschwankungen wie in den letzten Tagen kommt, mit Plusgraden am Tag und Minusgraden in der Nacht, dehnen sich die Felsspalten aus und es kann wiederum Wasser eindringen.“

Der Felssturz ging - wie diese Aufnahme aus der Luft zeigt - nur knapp am besiedelten Raum vorbei.
- zeitungsfoto.at

Den Sommer über habe es mehrfach Steinschläge in dem betroffenen Hang gegeben. „Im Hinblick auf die Straße haben wir gesagt, wenn das nicht aufhört, müssen wir uns Maßnahmen überlegen. Das planerische Problem dabei ist, dass dort auch Lawinengefahr herrscht“, so Heißel. Schutzbauten vor Lawinen oder Steinschlag stellen die Experten allerdings vor unterschiedliche Herausforderungen. An einer Lösung sei aber bereits gearbeitet worden.

Notzufahrt nur in Ausnahmefällen

Den betroffenen Bewohner hilft das in ihrer derzeitigen Situation jetzt aber erst einmal nicht – sie müssen Geduld haben: Ursprünglich war angedacht worden, einen Forstweg ins Talinnere auch für private Fahrten zu präparieren, nach den jüngsten Hangbewegungen ist dieser Plan jedoch nicht umsetzbar. Der Weg sei laut dem Landesgeologen selbst bei Notfällen nur unter „ganz strengen Auflagen“, also wenn es die Situation erlaube, für Blaulichtfahrzeuge benützbar. „Wir rechnen jederzeit auch wieder mit größeren Felsstürzen“, warnte er. Der nächste planmäßige Erkundungsflug werde am Dienstag um 8 Uhr stattfinden.

Am Montag flog neben Heißel auch Landeshauptmann Günther Platter mehrere Male über das Gebiet, um sich ein Bild zu machen. Der Hubschrauber, mit dem die Erkundungen durchgeführt wurden, wird auch die Notversorgung der abgeschnittenen Personen sicherstellen. „Für Weihnachten hat sich jeder eingedeckt“, so dass die aktuelle Lage nicht prekär sei, gewann der Valser Bürgermeister Klaus Ungerank dem Zeitpunkt des gewaltigen Felssturzes auch einen kleinen positiven Aspekt ab.

Drei Häuser bleiben evakuiert

Landeshauptmann Günther Platter leitete am Montagvormittag die Sitzung des Krisenstabs im Gemeindeamt von Vals. „Ich bin erschüttert über dieses große Naturereignis, aber auch froh, dass keine Personen zu Schaden gekommen sind“, wird Platter in einer Aussendung des Landes zitiert. „Das hätte in einer Tragödie enden können.“ Nun müssten „alle Maßnahmen getroffen werden, um die Abbruchstelle wieder zu sichern und die Menschen im hinteren Talbereich zu versorgen.“

Mittlerweile könne für den Großteil der Siedlung ‚Tummelers Sand‘ Entwarnung gegeben werden. Nur drei Häuser müssten evakuiert bleiben, die anderen Bewohner konnten in ihr Heim zurückkehren.

Die Hoffnung für die eingeschlossenen Menschen, noch am Montagabend über den Forstweg in Richtung Wipptal fahren zu können, ist nun aufgrund der erweiterten Gefahrenlage gleich null. Es müsse auch generell noch abgeklärt werden, „inwieweit diese Strecke zu einem Notweg auch für private Autofahrten ausgebaut bzw. befestigt werden kann“, hieß es seitens der Einsatzleitung. Derzeit stehe dieser Weg und ein Feldweg nur den Einsatzorganisationen als Verbindungs- und Versorgungsstrecke ins Talinnere zur Verfügung.

Freiräumen bei derzeitiger Lage zu gefährlich

Abzuschätzen, wie lange die Valser Landesstraße gesperrt bleibe, sei „unseriös“, erklärte die Polizei in Steinach. Gut drei Wochen dürfte das Freiräumen der Straße laut Aussendung des Landes aber in Anspruch nehmen. In der derzeitigen Gefahrenlage sei noch nicht mit einem Räumungsbeginn zu rechnen. Auch die Frage, wie lange die Gefahr noch als akut eingestuft werden muss, lässt sich nicht einfach beantworten. „Der Berg kommt zur Ruhe, wenn entweder alles herunten ist oder eine neue stabile Verteilung des Gesteins eintritt“, so Heißel.

Platter lobte im Zusammenhang mit der Evakuierungsaktion vor allem die Einsatzkräfte, die am Heiligen Abend und am Christtag umgehend vor Ort waren und „großartige Arbeit“ leisteten. „Das Katastrophenmanagement unter dem Valser Bürgermeister Klaus Ungerank funktioniert hervorragend“, dankte der LH den vielen Einsatzkräften von Feuerwehr, Polizei und Rotem Kreuz sowie den Mitarbeitern der Gemeinde Vals, der Landesgeologie, der Wildbach- und Lawinenverbauung und dem Baubezirksamt Innsbruck. (siha, TT.com, APA)




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