Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 16.12.2018


Exklusiv

An Tirols Bahnhöfen fehlen Hunderte Parkplätze

Viele Park & Ride-Plätze an den Bahnhöfen sind schon frühmorgens übervoll, Parktourismus verschärft die Situation auch dort, wo es früher keine Probleme gab. Lösungen sind teuer und nicht überall umsetzbar.

7550 Stellplätze stehen derzeit auf den Tiroler Bahnhöfen zur Verfügung, 3880 für Pkw und 3670 für Zweiräder.

© Thomas Böhm7550 Stellplätze stehen derzeit auf den Tiroler Bahnhöfen zur Verfügung, 3880 für Pkw und 3670 für Zweiräder.



Von Michaela S. Paulmichl

Innsbruck – Am Parkplatz in Ötztal-Bahnhof hat sich die Situation in den vergangenen Jahren immer weiter „zugespitzt“, wie Bürgermeister Josef Leitner sagt. Die derzeit hundert Parkplätze reichen bei Weitem nicht aus, deshalb wird wild geparkt, teils auch auf Böschungen. Eine Erweiterung sei aber „so gut wie unmöglich“, immerhin liege der Bahnhof mitten im Ort, es stehen keine weiteren Flächen zur Verfügung. Die Errichtung eines Parkhauses könnte Abhilfe bringen, aber: „Wer soll das bezahlen?“

Die Situation in Ötztal-Bahnhof ist nur ein Beispiel von vielen und die Folge einer an sich erfreulichen und gewünschten Entwicklung: Seit der Einführung der S-Bahn 2007 hat sich die Zahl der Fahrgäste verdoppelt. Die günstigen Jahrestickets ließen die Zahl noch einmal nach oben steigen auf aktuell 14,3 Millionen Kunden pro Jahr, täglich sind 42.000 Menschen unterwegs.

Viele pendeln regelmäßig mit dem Zug zur Arbeit, doch weil manche Bahnhöfe außerhalb des Wohngebiets liegen, stellen sie in der Früh ihr Auto dort ab, um am Abend nach der Arbeit schnell nach Hause zu kommen. Wie in Ötztal-Bahnhof kommen die meisten Parkplatz-Benützer aber aus den umliegenden Gemeinden und den Tälern. In Haiming – Ötztal Bahnhof ist ein Weiler der Gemeinde – gibt es einen eigenen Bahnhof, die S-Bahn hält dort aber nicht.

Westlichster „Hotspot“ ist Landeck-Zams, in den vergangenen Jahren wurden dort schon sämtliche Flächen umgewandelt, derzeit gibt es rund 200 Parkplätze, bis zu 100 weitere werden benötigt, wie der Landecker Bürgermeister Wolfgang Jörg sagt. Ohne bauliche Maßnahmen wird es auch hier nicht gehen, die ÖBB haben deshalb bereits Verkehrssimulationen und Machbarkeitsstudien in Auftrag gegeben. Laut ÖBB-Sprecher Christoph Gasser-Mair gibt es im Oberland aktuell in Landeck, Imst und Ötztal Untersuchungen, wo und wie zusätzliche Parkplätze angelegt werden können. Die Erhebungen werden sich noch bis ins Frühjahr hinauszögern.

Gasser-Mair: „Das Thema Park & Ride genießt bei den ÖBB einen sehr hohen Stellenwert, da wir uns bewusst sind, dass es ein wesentlicher Faktor für den Umstieg vom Auto auf die Bahn darstellt. Nur wenn er einfach und komfortabel ist, lassen sich die Menschen dafür gewinnen.“ Man sei daher bemüht, in guter Kooperation mit den anderen Partnern weitere Anlagen zu planen und zu errichten. Die Finanzierung übernimmt zu 50 Prozent die ÖBB-Infrastruktur AG, das Land und die Gemeinden zu jeweils 25 Prozent. Bürgermeister Jörg: „Die Gemeinden haben natürlich beschränkte Mittel und viele Aufgaben, da muss man auch die Wahrheit sagen.“

Wie er hofft auch sein Imster Amtskollege, Bürgermeister Stefan Weirather, auf eine rasche Umsetzung der Pläne, beide Projekte werden von den ÖBB immerhin als „hoch prioritär“ eingestuft. Wie von Telfs-Pfaffenhofen, wo im Frühjahr der Spatenstich für ein Parkdeck mit 295 Stellplätzen erfolgen soll, gibt es auch von dort aus derzeit eine Art Parktourismus, der sich an den weiter in Richtung Innsbruck gelegenen Bahnhöfen wie etwa in Zirl bemerkbar macht. Im Gegensatz zu früher ist auch der Parkplatz dort inzwischen schon frühmorgens restlos ausgelastet und sind Fahrzeuge mit Imster und Landecker Kennzeichen zu sehen. In Telfs wird derzeit nach Ersatzparkflächen für die rund einjährige Bauphase gesucht.

Eigene Wege will die Gemeinde Kematen gehen, wie Bürgermeister Rudolf Häusler berichtet. Auch dort wird es immer enger, zusätzlich zu den rund 70 am Bahnhof abgestellten Fahrzeugen sei das Dorf mit mindestens 30 weiteren Autos „völlig zugeparkt“. Neben einer Erweiterung der Platzressourcen arbeitet die Gemeinde an einem Alternativkonzept in Form eines Zubringersystems in angrenzende Gemeinden und ins Sellraintal. Die Planungsmaßnahmen sollen 2019 abgeschlossen werden.

Der zweite Tiroler „Hotspot“ befindet sich im Unterland, in Jenbach. Schon seit Jahren wird dort um eine Lösung für das tägliche Parkplatzchaos gerungen. Schon einen Schritt weiter ist man in Brixlegg. Laut Bürgermeiste­r Rudol­f Pueche­r soll in rund zwei Jahren mit dem Bau einer neuen Park & Ride-Anlage begonnen werden, der erst vor wenigen Jahren erweiterte Parkplatz für 125 Fahrzeuge ist mit der Einführung des Tiroltickets zu klein geworden. „Innerhalb kurzer Zeit ist der Bedarf dadurch massiv angestiegen.“ Weitere 119 Plätze sollen dort entstehen.

Wie ÖBB-Sprecher Gasser-Mair sagt, sind Erweiterungen aber nicht überall möglich – weder räumlich noch finanziell. Erst wenn die technische Umsetzbarkeit bestätigt ist und es eine Finanzierungsvereinbarung mit Land und Gemeinden gibt, kann ein Projekt in die Umsetzungsplanung gehen.

Alexander Jug, Geschäftsführer des Verkehrsverbunds Tirol (VVT), spricht im Zusammenhang mit den Fahrgaststeigerungen von einem „eigentlich schönen Problem“. Man sei sich allerdings der Problematik bewusst: „Wenn man die Angebote verbessert, aber bei den Park & Ride-Plätzen nicht nachzieht, kommt es zu einem Flaschenhals.“ Wo es möglich sei, müssten aber auch Busverbindungen zu den Bahnhöfen ausgeweitet und besser an die Fahrpläne der Züge angepasst werden.