Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 19.03.2019


Bezirk Reutte

„Verkehrstsunami“: Heiterwang von Rückreiseverkehr überrollt

Rückreiseverkehr ergoss sich über den Ort. Jede Ecke im Dorf war als vermeintliche Ausweichroute herhalten.

Mit Handys hielten zwei Heiterwangerinnen die Verkehrsflut auf den „Nebenstraßen“ der B 179 fest. Auch der Radweg Bichlbach–Heiterwang wurde zum Parkplatz, die innerörtliche Dorfstraße zweispurig blockiert.

© Kerber, GratlMit Handys hielten zwei Heiterwangerinnen die Verkehrsflut auf den „Nebenstraßen“ der B 179 fest. Auch der Radweg Bichlbach–Heiterwang wurde zum Parkplatz, die innerörtliche Dorfstraße zweispurig blockiert.



Von Helmut Mittermayr

Heiterwang – Wie live in die achte biblische Plage versetzt müssen sich die Heiterwanger und Heiterwangerinnen Sonntagnachmittag vorgekommen sein – wenn aus dem Nichts Heuschrecken einfallen, alles niedermachen und wieder verschwinden. Sonntag gegen halb fünf war es mit der Beschaulichkeit in der kleinen B179-Anliegergemeinde im Zwischentoren auf einen Schlag vorbei. Ein laut Schilderungen noch nie dagewesener Verkehrs­tsunami ergoss sich über den Ort. Die Wintersportler waren auf der Rückreise aus dem Oberland und nahmen – selbst genervt im Stau – keine Rücksichten mehr. Zuerst kam es auf der ersten Ausweichstrecke zur überlasteten B179, der alten Fernpassstrecke L355, die kerzengerade durch das Dorf führt, zum Verkehrskollaps. Dann wichen die Heimreisenden auf den Radweg Bichl­bach – Heiterwang aus. Sogar Lkw waren auf dieser Verbindung unterwegs, wie erzürnte Heiterwanger mit dem Hand­y festgehalten haben. Als auf den zwei erlaubten und auf der illegalen Route nichts mehr weiterging, suchte die träge Masse in jeder erdenklichen Ecke des Dorfes ihr Glück. Die Einfahrten zu den Häusern wurden blockiert. Zweispurig stand der Pkw-Moloch auf der innerörtlichen Dorfstraße in eine Richtung.

Dazu Bürgermeisterin Beat­e Reichl: „Es war wirklich extrem. Die Leute stiegen aus, gingen Richtung der Häuser und verrichteten dort ihr Geschäft. Leider sind wir im Moment mit Gasthäusern im Dorf nicht gesegnet. Andere versuchten völlig genervt auf der Gemeindestraße mitten im Ort auch noch zu überholen. Wir waren gut beraten dem Irrsinn fernzubleiben.“ Autos fanden sich etwa auf der so genannten Stollen­straße, die Kinder zum Rodeln benutzen, wieder. Da sie damit in einer steilen Sackgasse gelandet waren, mussten sie mühsam wenden, drängten doch schon die nächsten hinterher. Auch auf Fußballplatz und Loipe erspähten die Einheimischen irrlichternde Verkehrsteilnehmer in der einsetzenden Dunkelheit.

Die Bürgermeisterin erkundigte sich beim Journaldienst der BH Reutte, ob die Feuer­wehr zumindest die Ortsdurchfahrt sperren dürfe. „Die Antwort war Nein. Solange sich alles auf Verkehrsflächen abspielt, könne nichts unternommen werden, wurde mir mitgeteilt.“ Die Feuerwehrler hätten dann auch nur zu Fuß zum Einsatzort gelangen können. Irgendwelche Fahrzeuge aus der FW-Halle zu bringen, wäre nicht mehr möglich gewesen. Reichl alarmierte zumindest die Polizei in Bichlbach, um sich der Horden auf dem Radweg anzunehmen. Angesichts der Massen wurde die Inspektion Lermoos nachgefordert. Die Dorfchefin zur TT: „Und das Verrückteste am Ganzen: Um Punkt 19.36 Uhr war der Spuk vorbei.“ Laut ihren Angaben mindestens genauso kurios: Der Infarkt auslösende Staupunkt auf der Fernpassstrecke hat sich am Katzenberg nur ein paar Kilometer weiter bei der Hängebrücke Highline 179 befunden. Ab dort rollte der Verkehr Richtung Norden problemlos.