Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 03.05.2019


Verkehr

Dem Stau entgegen: Verkehr in Tirol kollabiert immer öfter

Verlängerte Wochenenden bringen den Verkehr in Tirol regelmäßig zum Erliegen. Daran sind nicht nur Urlauber und Lkw schuld. Am dicksten ist das Plus beim Werktagsverkehr. Die Paketflut lässt grüßen.

Autos werden zwar immer leistungsfähiger, größer und schwerer. Es sitzen aber laut VCÖ immer weniger Personen pro Auto drin. <span class="TT11_Fotohinweis">Foto: TT-Archiv</span>

© Autos werden zwar immer leistungsfähiger, größer und schwerer. Es sitzen aber laut VCÖ immer weniger Personen pro Auto drin. Foto: TT-Archiv



Von Anita Heubacher

Innsbruck — Das Meer der Tiroler rückt in weite Ferne. Zumindest zeitlich fühlt sich die Fahrt an den Gardasee wie eine an die Obere Adria an. An verlängerten Wochenenden, zu Ostern oder Pfingsten ist der Stau vorprogrammiert. Anfahrtszeiten von 4,5 Stunden nach Riva sind keine Seltenheit. Zwei Stunden mehr als normal. Noch übler sind die Außerferner und Oberländer dran. Der Fernpass ist im Verkehrsfunk ebenso Dauer­gast wie das Zillertal.

Die Kapazitätsgrenzen der Tiroler Straßen sind an verlängerten Wochenenden, aber immer öfter auch werktags erreicht. Ein Blick in den Verkehrsbericht des Landes macht klar, warum: Die Zuwachsraten seit 1980 sind exorbitant (siehe Grafik), die innerhalb von zehn Jahren ebenso eindrucksvoll.

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Auf der Autobahn bei Ampass rauschten 2017 um rund 7000 Fahrzeuge mehr vorbei als noch 2007. Ähnliche Bilder zeichnen sich in Kufstein oder auch auf der Loferer Straße ab.

Von Jahr zu Jahr steigt der Verkehr in Tirol. Auf allen Straßennetzen. Liest man die Zahlen, stellt man fest, dass manche Staus hausgemacht sind. Am stärksten gestiegen ist nämlich der Werktagsverkehr. Das liegt auch an der Paketflut, die ebenso von Jahr zu Jahr größer wird.

Der Verkehrsclub Österreich hofft auf die Digitalisierung und die E-Mobilität. Apps könnten Öffis noch attraktiver machen, meint VCÖ-Sprecher Christian Gratzer. „In einem Bus sitzen 50 bis 60 Menschen, in 100 Autos 115." Ein Bus ersetze demnach 30 Autos, die stehend ohne Sicherheitsabstand eine Kolonne von 200 Metern bilden würden. „Das Absurde ist, dass Autos immer leistungsfähiger, immer größer, schwerer und breiter werden, aber immer weniger Menschen darin sitzen." Gratzer hofft, dass bei zunehmenden Stauzeiten Rad- oder E-Bike-Fahren noch attraktiver wird. „40 Prozent der Autofahrten in Österreich sind kürzer als fünf Kilometer." Dies berge Potenzial, meint der VCÖ.

Fakten zum Verkehr in Tirol

Autobahn: Bei Ampass wurden laut Verkehrsbericht 2017 rund 78.700 Kraftfahrzeuge pro Tag gezählt. Das sind um 7000 mehr als noch 2007. Ein Plus von 11 Prozent gab es in dem Zeitraum auch in Vomp und Langkampfen.

Landesstraßen: Durch die Vignettenpflicht bei Kufstein-Süd und die Grenzkontrollen ist der Verkehr auf der Tiroler Straße in Kufstein in den letzten Jahren um 66 Prozent gestiegen. Seit der Umfahrung Bruckhäusl Ende 2007 gibt es auf der Loferer Straße ein Plus von 40 Prozent, im Zillertal ein Plus von 13 Prozent bei Brettfalltunnel.

Der gestiegene Verkehr und die Straßenverknappung sind für den ÖAMTC Gründe, warum es sich öfter staut. „Es sind für Autos Fahrstreifen weggefallen für Öffis oder fürs Radfahren", meint Verkehrspsychologin Mario­n Seidenberger. „Es wird enger auf den Straßen und damit steigt auch die Aggressivität im Stau", meint sie.

Mehr Staus, längere Grün-Phasen für Öffis

Auch wenn inzwischen in allen Landeshauptstädten die Anzahl der Pkw im Verhältnis zur Einwohnerzahl sinkt, steigt durch das Bevölkerungswachstum die Zahl der Pkw insgesamt. Dazu kommen die Pendler. In Innsbruck sind es rund 50.000. Die Wiener Stadtgrenze überqueren mehr als 500.000 Menschen an einem Werktag stadteinwärts, 79 Prozent davon laut VCÖ mit dem Auto. Die Städte leiden unter dem Verkehrszuwachs, vor allem wenn es sich staut, liegen die Nerven der Autofahrer, aber auch die der Anrainer blank.

„Der Individualverkehr wird in Wien benachteiligt. Die Grün-Phasen sind für Öffis länger, für den Individualverkehr wurden sie verkürzt", sagt ÖAMTC-Verkehrspsychologin Marion Seidenberger. Die Staus seien in den Städten mehr geworden, meint sie. „Dazu kommt, dass die meisten die Zeit knapper für Erledigungen bemessen als früher. Das erhöht den Druck."

Dass der Stau viele Autofahrer aus der Stadt vertreiben wird, glaubt Seidenberger nicht. „Ebensowenig wie die Geschichte, dass deutsche Autofahrer gerne im Stau stehen und manche sogar absichtlich in Staus fahren." Was im Stau laut ÖAMTC hilft, ist ein Beifahrer. Der könne den Fahrer durch Gespräche ablenken. Und langfristig könnten Staus dazu beitragen, dass immer mehr Autofahrer auf das Fahrrad umsteigen. „Wenn man dauernd beobachtet, wie Radfahrer an einem vorbeifahren, könnte das zum Umdenken motivieren."

Viel Geduld braucht man 2019 als Autofahrer in Innsbruck. 60 Großbaustellen sind geplant, 45 Millionen Euro investiert die Stadt. Freunde macht sich die Stadtregierung damit trotzdem keine. Hauptbahnhof, Südring als Dauerbaustellen strapazieren die Nerven.

Damit der Umstieg auf das Fahrrad gelingt, brauche es die entsprechende Radinfrastruktur, sagt VCÖ-Sprecher Christian Gratzer. Die deutsche Bundesregierung fördere den Bau von regionalen Hauptradrouten. Österreich möge es den Deutschen gleichtun. „Zudem ist das Netz an Radschnellwegen vor allem in den Ballungsräumen zügig auszubauen." Und Städte müssten Parkplätze reduzieren, fordert Gratzer. „In Paris wurde die Zahl der öffentlichen Pkw-Stellplätze stark reduziert, die Zahl der Pkw nahm deutlich ab. Mehr Wege wurden mit Öffis zurückgelegt."