Letztes Update am So, 23.06.2019 20:48

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Verkehr

Hahntennjoch-Blockade empört Mehrheit in Pfafflar

Am Sonntag ging eine Bürgerversammlung gegen den (Motorrad)-Lärm auf beiden Seiten des Hahntennjochs über die Bühne. Im Lechtal erschienen auch Gegner der Demo und fanden harte Worte gegen die Veranstalter. Zahlreiche Anrainer genossen hingegen die Ruhe.

Scharen von Radlern nutzten den Tag, um ungefährdet aufs Hahntennjoch zu kommen.

© Mittermayr HelmutScharen von Radlern nutzten den Tag, um ungefährdet aufs Hahntennjoch zu kommen.



Von Helmut Mittermayr und Matthias Reichle

Elmen, Pfafflar, Imst – Nachdem die Musikkapelle Häselgehr der „Bürgerversammlung“ mit schneidigen Märschen eine Aufwertung zukommen hatte lassen, bogen schon bald nach neun Uhr auch die ersten Radler Richtung Hahntennjoch ein. Sie wollten den motorradfreien Tag nutzen, um einmal ungefährdet das Joch zu erreichen.

Am Eingang der Lehngasse wurden Motorradfahrer informiert.
Am Eingang der Lehngasse wurden Motorradfahrer informiert.
- Reichle

Es sollten schließlich Hunderte verbrennungsmotorlose Biker an diesem Sonntag werden. Die IG Xund’s Lechtl mit Sprecher Reinhard Oberlohr und das Transitforum Austria mit Fritz Gurgiser hatten zur Straßenversammlung geladen, um gegen den ausufernden Lärm, vor allem durch Motorräder, zu protestieren.

Während die Zahl der Versammlungsbesucher am Vormittag überschaubar blieb, hatten sich unter die wenigen auch Gegner gemischt, die dem Treiben eher den Marsch blasen wollten. Der Pfafflarer Altbürgermeister Josef Friedle verlas eine offizielle Stellungnahme, die zwei Drittel der 108 Einwohner der kleinen, an diesem Tag eingeschlossenen Berggemeinde unterschrieben hatten. Darin heißt es unter anderem, dass „wir uns von der Vorgangsweise überfahren fühlen, von der Planung ausgeschlossen waren und uns diese Sperre schädigt“.

Die Kapelle Häselgehr spielte der Veranstaltung und Fritz Gursiser auf.
Die Kapelle Häselgehr spielte der Veranstaltung und Fritz Gursiser auf.
- Mittermayr Helmut

In Pfafflar waren mehrere Gasthäuser und Almwirtschaften von der siebenstündigen Sperre betroffen. Hüttengäste mussten um fünf Uhr geweckt werden, um noch rechtzeitig aus dem Tal zu kommen. Das Joch sei wegen der Wintersperre sowieso mehr als ein halbes Jahr zu. „Die Straße nun an einem Sommersonntag willkürlich zu blockieren, finden wir ein äußerst unpassendes Signal, als Schikane für Bevölkerung und Gäste“, erklärte Friedle.

Gurgiser antwortete, dass dies keine Sperre sei, sondern das Grundrecht auf Versammlungsfreiheit: „Das hat nichts mit einer Blockade zu tun.“ Der Dorfchef sei zudem rechtzeitig informiert worden. Er erwarte sich eigentlich von allen Solidarität für dem Kampf um mehr Ruhe, sagte Gurgiser, bevor er das Mikrophon dem Zugriff Weiterer entzog. Dies sei schließlich keine Diskussionsveranstaltung, ließ er wissen.

Demobefürworter Bluatschink Toni Knittel (l.) im Wortgefecht mit Lechtaler Touristikern (v. l.): Armin Knittel, TVB-GF Michael Kohler und TVB-Obmann Marc Baldauf.
Demobefürworter Bluatschink Toni Knittel (l.) im Wortgefecht mit Lechtaler Touristikern (v. l.): Armin Knittel, TVB-GF Michael Kohler und TVB-Obmann Marc Baldauf.
- Mittermayr Helmut

Solidarität vom Obmann des TVB Lechtal, Marc Baldauf, erhielt er nicht. Der Hotelier bezichtigte Gurgiser, mit seiner Aktion die Bevölkerung im Lechtal zu spalten. „Wir brauchen aber ein ,xund’s‘ miteinander“, spielte er auf den Namen der Veranstalter an. Wenn mehr Blockaden drohten, würden Existenzen auf dem Spiel stehen. Allein dieser Tag bringe vielen einen „Riesenschaden. Zwei Stunden hätten auch gereicht.“

Imst und die plötzliche Sonntags-Idylle

Idylle am Rand der Lehngasse. Wo sonst an sonnigen Wochenenden Motorradkolonnen ihre Fahrt übers Hahntennjoch starten, hatten gestern Vormittag Anrainer vor der Lehngalerie ihre Liegestühle aufgeklappt und stießen mit einem Gläschen Wein an.

Wäre keine Sperre „würden wir unsere Unterhaltung hier nicht verstehen“, erklärten Bernhard Scheiber und Rudolf Zangerle. „Am Wochenende kann man nicht mehr im Garten sitzen“, betonte Letzterer. „Es ist unerträglich.“ „Die Masse macht den Lärm“, so Klaudia Scheiber-Trenkwalder, die der Verkehr regelmäßig aus dem Bett holt. „Hier schalten sie und beginnen zu beschleunigen.“

 Anrainer genossen die Ruhe.
Anrainer genossen die Ruhe.
- Reichle

Der Grund, warum die fidele Truppe gestern ungestört die Sonne genießen konnte, findet sich wenige Meter weiter unten bei der Einfahrt zur Lehngasse. Dort informierte ein Security die Auto- und Motorradfahrer über die Demo am Berg. Zwischen 9 und 16 Uhr wurde die Hahntennjochstraße auf Höhe der Linserhöfe gesperrt.

Viele mussten wieder wenden. Wie Uwe aus der Oberpfalz. Der Motorradfahrer war auf der Heimfahrt aus dem Urlaub. Übers Hahntennjoch wollte er, weil es eine schöne Strecke ist – etwas ärgerlich, aber auch verständlich sei die Demo, meinte er. Ein Internet-Routenplaner hatte Konstantin und Robert aus Augsburg den Weg zur Sperre gewiesen. „Über den Fernpass dauert es 50 Minuten länger“, ärgerten sich die beiden nun, dass sie den Umweg fahren müssen.

Als falsches Signal für den Tourismus bewertete Imst Tourismus mit Obmann Hannes Staggl die Aktion. „Ich habe vollstes Verständnis für alle, die sich lärmgeschädigt fühlen. Es ist aber die falsche Maßnahme, das legt den Verkehr nur um, andere haben dafür mehr Verkehr.“ Er glaubt, dass die Meinungen zur Demo am Stammtisch durchaus gespalten seien. Für eine gangbare Lösung brauche es den Dialog. „Ich habe 250 Betten und werde das überleben“, betonte der Hirschenwirt, der mit seinem Hotel am Eingang der Lehngasse liegt – vielen anderen an der Strecke nehme man an diesem Tag die Butter vom Brot.

Für Barbara Perktold, die Organisatorin der Demo auf Imster Seite, ist hingegen klar: „Es muss definitiv weniger Verkehr werden.“ Sie selbst sei Betroffene. Bei der Straßensperre bewirtete sie zahlreiche Radfahrer. „Heute ist es ein Genuss, wenn man nicht auf die Motorradfahrer aufpassen muss“, betonten etwa Albert Walch, Waltraud Lechleitner und Armin Kerschbaumer, die kurz verschnauften. „Sonst ist es lebensgefährlich“, behaupteten sie.