Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 03.07.2019


Exklusiv

Lokalaugenschein in Bayern: Verkehrte Welt in der Grenzregion

Lkw-Blockabfertigung, Maut, Kontrollen – Tirol und Bayern wollen mit ihren harten Schritten politisch an Boden gewinnen. Davon haben zumindest die Bürger im Freistaat genug, wollen Lösungen. Eine Stippvisite im Nachbarland.

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© Thomas Boehm / TT



Von Benedikt Mair

Kiefersfelden, Brannenburg – Dienstagmorgen im bayerischen Brannenburg, einen Steinwurf von der Grenze zu Tirol entfernt. Anneliese Ueffing und das Ehepaar Ingrid und Friedrich Kohler, drei alteingesessene Einheimische, sitzen vor der Backstube im Dorfzentrum, trinken ein Häferl Kaffee, dazu ein Nusskipferl. „Wird in Kufstein die Block­abfertigung hochgefahren, dann steht hier alles“, sagt Ueffing und zeigt auf die wenige Meter entfernte Hauptstraße, über die auch außerhalb der Hauptverkehrszeiten im Sekundentakt Fahrzeuge donnern. Die Abgase lassen die ohnehin schon schwüle Luft noch stickiger werden. „Ich verstehe die Beweggründe der Tiroler“, wirft Frau Kohler in die immer hitziger werdende Diskussion ein, während ihr Mann nicht begreifen will, wieso er „für 16 Kilometer vier Stunden im Auto sitzen muss“.

Der Bürgermeister von Brannenburg, Matthias Jokisch.
Der Bürgermeister von Brannenburg, Matthias Jokisch.
- Thomas Boehm / TT

Zwist, Streit, verhärtete Fronten prägen seit Wochen und Monaten die politischen Beziehungen zwischen Bayern und Tirol. Maut, Lkw-Blockabfertigung, Grenzkontrollen und Fahrverbote – mit immer neuen Maßnahmen versuchen beide Seiten, der Verkehrsproblematik, der immer größer werdenden Blechlawine Herr zu werden. Und aus dem Spielen mit den Muskeln politisches Kapital zu schlagen.

Auf kommunaler Ebene sieht das anders aus. Dort können auch die Entscheidungsträger im Freistaat die Sorgen ihrer Nachbarn nachempfinden, denn sie teilen diese. „Die letzte Blockabfertigung war der Wahnsinn. Der gesamte Verkehr durch das Inntal ist so nicht mehr tragbar“, sagt Matthias Jokisch, Bürgermeister von Brannenburg. Der 6000-Einwohner-Ort leide massiv darunter. „Günther Platters Argumentation verstehe ich ja. Bei Stau kommen wirklich keine Rettungskräfte mehr zu ihrem Einsatzort. Aber bei uns in Bayern verhält sich das genauso.“ Der 59-Jährige glaubt, dass Tirols Landeshauptmann „einfach mal macht“ – sowohl bei der Lkw-Dosierung als auch bei den jüngsten Abfahrverboten von der Autobahn. „Ich denke, er will Aufmerksamkeit erzeugen. Mit den Klagen, die Italien und Deutschland jetzt vorbereiten, hat er wohl gerechnet. Und wenn ihm die Fahrverbote auf EU-Ebene abgeschmettert werden, kann ihm das egal sein. Immerhin hat er das Thema aufs Tapet gebracht.“

Bis zu seiner Wahl vor fünf Jahren war Jokisch evangelischer Pfarrer, heute predigt er den Bewohnern seiner Gemeinde Geduld beim Thema Verkehr. Und auch er muss sich in selbiger üben, denn: „Niemand hat mit uns Bürgermeistern wirklich geredet. Wenn schon keine Lösungen gefunden werden, dann lassen sich manche Dinge zumindest besser ertragen, wenn man drüber Bescheid weiß.“

Der Bürgermeister aus Kiefersfelden, Hajo Gruber.
Der Bürgermeister aus Kiefersfelden, Hajo Gruber.
- Thomas Boehm / TT

Vor dem Supermarkt am Brannenburger Ortseingang steht Anna Unker, die in einem Bio-Laden arbeitet und in ihrer Freizeit imkert. Sie lehnt sich an ihr Fahrrad und schlägt ihre Lösung für das Verkehrsproblem vor: „Die Menschen müssen einfach umweltbewusster werden.“ Mehr regionale Produkte, dadurch weniger internationaler Warenverkehr, die Autofahrten minimieren. „Und sich nicht über die vielen Staus wundern, wenn man, so wie die Tiroler, mit den Winter-Touristen beim Skifahren Geld verdienen will. Das ist schizophren“, meint Unker.

In Kiefersfelden, direkt an der Grenze zwischen Bayern und Tirol, geht Helena Schönfeld am späten Dienstagvormittag einkaufen. Auch wenn sie erst vergangenen November hierher gezogen ist, wo ihre Mutter lebt, glaubt sie, „dass Kiefersfelden vom schönen Dorf zum nichtssagenden Durchzugsort“ verkommt. Eine Lösung? „Vielleicht die Maut bis Kufstein-Süd wieder aussetzen.“

Wenige Meter entfernt, im ersten Stock des Kiefersfeldener Rathauses, befindet sich Hajo Grubers holzgetäfeltes Büro. Aus seinem Fenster kann er ins Inntal blicken, seine Region, „die keine Grenzen kennt. Die Bevölkerung ist zusammengewachsen. Nur Wien und Berlin, München und Innsbruck verklagen einander. Die sollen sich ein Beispiel an uns Bürgermeistern und Einwohnern nehmen.“ Für die Maßnahmen, die von Tirol derzeit angewandt werden, hegt der 57 Jahre alte studierte Jurist „viel Sympathie, weil sie Aufmerksamkeit schafften“. Die Ursachen des „alles andere überlagernden Problems Verkehr“ sieht Gruber in der seit 2013 geltenden Mautpflicht für die Strecke von der Grenze bis Kufstein-Süd und in den deutschen Grenzkontrollen. „Wenn die Maut abgeschafft wird und die Grenzkontrollen ausgesetzt werden, dann bin ich guter Dinge, dass es besser wird. Der Weisheit letzter Schluss ist das aber noch nicht.“ Gruber hofft auf die Verlagerung des Verkehrs auf die Schiene, „also den Brennerbasistunnel“.

Anneliese Ueffing und das Ehepaar Ingrid und Friedrich Kohler glauben nicht an schnelle Lösungen.
Anneliese Ueffing und das Ehepaar Ingrid und Friedrich Kohler glauben nicht an schnelle Lösungen.
- Thomas Boehm / TT