Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 15.08.2019


Osttirol

Bei den Mitfahrbänken kommen die Leute wieder ins Gespräch

In Nordtirol gibt es bereits einige Mitfahrbänke. Die Unabhängige Arbeitsgruppe Umwelt installiert zwei Sitzgelegenheiten in Oberlienz.

Mitfahrbänke wie diese wurden im Jahr 2017 auch in Innsbruck aufgestellt.

© WagnerMitfahrbänke wie diese wurden im Jahr 2017 auch in Innsbruck aufgestellt.



Von Christoph Blassnig

Oberlienz – Auf einer Mitfahrbank kann man Platz nehmen, um zu signalisieren: „Ich habe einen Weg vor mir. Bitte bleib stehen und nimm mich ein Stück mit.“ Solche Mitfahrbänke gibt es in Tirol bereits in Reith bei Seefeld, in Oberperfuss und in Innsbruck. Die Unabhängige Arbeitsgruppe Umwelt (UAU) in Oberlienz enthüllt am 31. August ebenfalls zwei solche Sitzbänke.

„Wir wollen in Zusammenarbeit mit der Gemeinde den guten Brauch beleben, jemanden ein Stück seines Weges mitzunehmen“, sagt Thomas Pedarnig von der Oberlienzer Arbeitsgruppe. Gegründet wurde diese vor 30 Jahren, als der Schleinitzbach in einem Rohr verschwinden sollte. Stattdessen hat die Umweltgruppe eine naturnahe Verbauung im Ort durchgesetzt, die bis heute die Menschen freut.

Die beiden Sitzgelegenheiten erhalten einen Anstrich in strahlendem Gelb. Aufgestellt werden sie einmal an der Bushaltestelle beim Lebensmittelgeschäft gegenüber der Kirche, die zweite in Oberdrum, ebenfalls an einer Haltestelle des öffentlichen Nahverkehrs.

„Oberlienz ist eine Zuzugsgemeinde“, freut sich Bürgermeister Martin Huber. „In den letzten Jahren wurde viel gebaut, und die Nachfrage ist ungebrochen. Ich könnte jede Woche einen Baugrund verkaufen.“ Der Kindergarten macht im Herbst eine dritte Gruppe auf, weil 50 Kinder gemeldet sind.

„Allerdings kennen sich die Leute untereinander kaum noch, vor allem Alt und Jung“, meint der Ortschef, der die Aufstellung der Mitfahrbänke unterstützt, wie er sagt. „Ich sehe darin ein Zurück zum Ursprung. Früher war es eine Selbstverständlichkeit, dass man nicht vorbeifährt, sondern jemanden mitnimmt.“ Huber sieht in dem Projekt eine Nachbarschaftshilfe im Bereich Mobilität, die vor allem älteren Gemeindebürgern zugutekomme. „Diese Leute kaufen im Geschäft ein und müssen die Waren dann gewöhnlich heimtragen.“ Die Gemeinde stellt das Holz für die Bänke zur Verfügung. Als Basis dienen massive Betonsockel.

Thomas Pedarnig betont ebenfalls die soziale Komponente: „Man lernt einander bei einer solchen Gelegenheit kurz kennen und erfährt, wo im Ort der andere wohnt. Zugezogene finden leichter Anschluss.“ Wenn die gegenseitige Scheu dem Miteinander weiche, sei allen geholfen. „Dann stehen die Türen offen.“