Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 14.09.2019


Verkehrssicherheit

Kampf um Sicherheit am Rad: Die Gaiggs strampeln sich ab

Michael Gaigg ist tot. Er wurde am Donauradweg von einem Auto erfasst. Seine Eltern, selbst passionierte Radfahrer, setzen sich seither für mehr Sicherheit beim Radfahren ein.

Gerald und Béatrice Gaigg sehen ihre Bemühungen für mehr Sicherheit für Radfahrer als ihre Aufgabe an.

© Foto TT/Rudy De MoorGerald und Béatrice Gaigg sehen ihre Bemühungen für mehr Sicherheit für Radfahrer als ihre Aufgabe an.



Von Theresa Mair

Innsbruck – Gerald Gaigg ist mit dem Ersatz-Fahrrad da. Sein Haupt-Radl ist gerade in der Reparatur. Wenn man so viel wie er in die Pedale tritt, braucht man zwei Fahrräder, sagt er. Aufgewachsen in Linz, kennt Gaigg den Donauradweg von Kindesbeinen an. Später, als er bereits in Innsbruck studierte, fuhr er an nur einem Tag mit dem Rennrad in seine Heimatstadt. Heute strampelt er noch rund 4000 Kilometer pro Jahr ab – und er kämpft engagiert für sichere Radwege. Denn in Österreich kämen die Radfahrer-Interessen „massiv unter die Räder“, sagt er. Das ist im Wortsinn zu verstehen – und mit Blick auf die Geschichte der Familie Gaigg besonders tragisch. Der Einsatz ist kein Hobby für Béatrice und Gerald Gaigg, sie betrachten ihn als ihre Aufgabe.

Das Ehepaar hat am 27. Juli 2016 seinen Sohn Michael bei einem Unfall verloren. Der damals 16-Jährige war mit seinem besten Freund auf dem Donauradweg unterwegs. Kurz vor Melk wurde Michael von einem Auto erfasst, als die Radler unvermittelt die Freilandstraße queren mussten. Der Schüler hatte keine Chance. Zuerst sah es so aus, als hätte eine fatale Unachtsamkeit zu dem Unfall geführt. Die Jugendlichen hatten ein Stoppschild übersehen.

Nach und nach zeichnete sich für Gaigg jedoch ein anderes Bild ab. Er redete mit Anrainern, fuhr die Strecke selber ab, beauftragte Gutachter, sprach mit anderen Radlern und kam zu dem Schluss: Der Bereich der Unfallstelle war nicht sicher. Gaigg hat Fotos vor sich liegen, die u. a. zeigen, dass sich das Stoppschild im Schatten dichter Bäume und links der Fahrbahn befand, nicht leicht und rechtzeitig erkennbar war, wie das die Straßenverkehrsordnung fordert. Auf der neu asphaltierten Strecke fehlten Hinweise und Markierungen, sodass Radfahrer sich nicht darauf vorbereiten konnten, dass der Radweg plötzlich aufhört. „Wenn man schon 100 Kilometer in den Beinen hat, rechnet man auf einem touristischen Radweg nicht mit solchen Gefahrenstellen. Radfahren soll Erholung sein, kein Überlebenstraining!“

Gesicherte Radfahrerüberfahrt? Fehlanzeige. Auf der Freilandstraße dürfen die Autos mit 100 km/h fahren. Gaigg ist überzeugt, dass der Fahrer zu schnell unterwegs war. Nachweisen konnte man ihm das im darauffolgenden Strafprozess nicht – „oder man wollte nicht“, sagt Gaigg. Das Verfahren wurde eingestellt. In drei Verkehrsverhandlungen konnten die Gaiggs dennoch „ein bisschen was erreichen. Ich war sehr lästig“, sagt er.

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An der von den zuständigen Beamten als „Radfahrerübergang“ bezeichneten Querung wurden Bodenmarkierungen und zusätzliche Verkehrsschilder angebracht, die bestehenden verbessert. „Doch die Hauptprobleme bestehen noch. Die zulässige Höchstgeschwindigkeit wurde nicht heruntergesetzt, die Querung selbst bleibt für Autofahrer immer noch schwer erkennbar.“ Eine richtige Radfahrerüberfahrt, so wie in der Straßenverkehrsordnung definiert, würde Blockmarkierungen und eine Geschwindigkeitsbegrenzung voraussetzen und weitere Maßnahmen, wie eine Mittelinsel und eine Lichtsignalanlage. Für die Familie ist es schwer verständlich, dass die Anforderungen zur Sicherheit an Begrifflichkeiten festgemacht werden und nicht an der tatsächlichen Gefahrensituation. Dafür kämpfen die Gaiggs in einem Zivilverfahren, das am 14. Oktober in St. Pölten beginnt.

In einer Gedenkanzeige, die zum dritten Todestag von Michael erschienen ist, sowie im Blog todamdonauradweg.wordpress.com bittet das Ehepaar um Unterstützung, um die Verhandlungskosten zu bestreiten. Zuspruch bekommt die Familie von Freunden, Bekannten und Menschen, die dem Radsport verbunden sind und die ebenfalls Nachholbedarf sehen. „Wir hoffen, dass wir nicht im Regen stehen gelassen werden.“

Es geht auch um Therapie. Denn zehn Monate vor Michaels Unfall wurde dessen vier Jahre ältere Schwester, die ebenfalls mit dem Rad unterwegs war, mitten in Innsbruck am Haydnplatz auf einem Schutzweg überfahren. Die junge Frau kämpft seither mit Behinderungen. Die Autofahrerin behauptet, sie nicht gesehen zu haben und bestreitet laut Gaigg bis heute jede Mitschuld. Erst seit der Novelle der Straßenverkehrsordnung im März sei es verboten, dass Radfahrer Zebrastreifen queren. Doch auch so gebe es noch genug Gefahrenzonen für Radfahrer, in Innsbruck und in ganz Österreich. „Der Radfahrer wird primär als Verkehrshindernis wahrgenommen. Der Politik ist nicht bewusst, dass sie die Attraktivität des Radfahrens nur erhöht, wenn sie etwas für Radfahrer tut und die Infrastruktur passt.“ Ein Beispiel für solch Hudlerei finde man in der Innsbrucker Anichstraße, wo der Radfahrstreifen zwischen den Schienen der Straßenbahn verlaufe. Nicht auszudenken, was passiert, wenn man mit dünnen Rennradreifen darin hängen bleibt.

Gerald Gaigg kennt sämtliche Zahlen und Daten auswendig, in seine Unterlagen muss er kaum schauen, wenn er aufzählt: „Allein Anfang August wurden in Österreich binnen einer Woche drei Radfahrer getötet, darunter ein Familienvater, der mit dem Mountainbike unterwegs war. Alle waren auf Freilandstraßen, immer waren Autos beteiligt.“ Gaigg setzt sich in Michaels Namen dafür ein, dass solche Unfälle nicht mehr passieren. „Wenn es seine Aufgabe war, dass die Verkehrssicherheit auf Radwegen verbessert wird, dann hat sein Tod zumindest irgendwo einen Sinn.“