Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 12.07.2016


Tirol

Naturgewalten ausgesetzt: Werden Unwetter immer schlimmer?

In Imst kam es gestern Abend zu Vermurungen, in Innsbruck hagelte es. Fallen Sommergewitter in Tirol immer heftiger aus? Das subjektive Gefühl, auch von Experten, sagt Ja. Eine objektive Messreihe ist schwierig.

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© Paschinger



Von Marco Witting

Imst, Innsbruck – Heftige Sommergewitter sorgten auch gestern Abend in Tirol für Großeinsätze. Starkregen hatte in Imst Material in Bewegung gebracht. In der Lehngasse (Auffahrt zum Hahntennjoch) verklauste das Gitter des Brüggel-Waals. Verschlammtes Wasser schwemmte durch die Lehngasse abwärts. Dutzende Feuerwehrmänner und Einsatzkräfte waren im Einsatz. Mit Schalbrettern und Sandsäcken versuchte man, die Fluten von den Häusern fernzuhalten. Zeitweise musste die Umfahrung Imst gesperrt werden. Für die Nacht wurde mit weiteren starken Niederschlägen gerechnet.

Auch über Innsbruck zog gegen 20.30 Uhr wieder ein starkes Gewitter mit Hagel hinweg. Auch hier musste die Feuerwehr ausrücken.

Ist dieses extreme Wetter noch normal? Eine klare Antwort gibt es von Experten nicht. Einig ist man sich, dass es ein rein subjektives Gefühl gebe, das an stärkere Gewitter glaubt. Und dass es an aussagekräftigen, objektiven Daten fehle. Eric Veulliet vom Forschungsinstitut alp-S sagt dazu: „Es braucht verlässliche Messreihen. Allerdings ist sich die Wissenschaft weitgehend einig, dass die Wahrscheinlichkeit einer Zunahme zu erwarten ist.“ Man sehe die Auswirkungen nicht nur an Niederschlagsmengen, sondern auch durch andere Parameter wie Nutzung, Bebauungsdichte oder Versiegelungsgrad. Und um dann anzumerken: „Aus persönlicher Sicht nimmt die Heftigkeit der Gewitter zu und gibt mir Anlass zur Sorge. Wir stehen ja schließlich erst am Anfang der Klimaveränderung.“

Gunther Heißel hat als oberster Geologe des Landes schon so gut wie alles gesehen. Auch er spielt auf die stärkere Verbauung und die höhere Verletzlichkeit der Gesellschaft an. „Die versiegelten Flächen sind größer. Die Verkehrswege, vom Forstweg bis zur Gemeindestraße, sind mehr geworden. Und der Wert bei einem Schaden ist höher.“

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Das heurige Jahr ist für Heißel beispielhaft für die Entwicklung. „Wenn ich mir anschaue, dass es heuer auch schon bei Temperaturen deutlich unter 30 Grad massive Hagelschauer gegeben hat, dann bekomme ich auch den Eindruck, dass die Gewitter heftiger werden.“

Aus 2013 stammt eine Studie aus Deutschland und Dänemark. Mit der weltweiten Klimaerwärmung würden demnach auch die Niederschläge immer extremer. Besonders treffe dies auf kurze, lokale Gewitterschauer zu. Je höher die Temperatur, desto mehr Feuchtigkeit kann die Luft aufnehmen. Es habe sich nachweisen lassen, dass die Intensität von Regenschauern – im Gegensatz zu lang anhaltenden Niederschlägen – mit der Temperatur besonders stark ansteigt. Aber auch diese Studie, mit Daten aus Deutschland, war nur auf kurze Zeit ausgelegt. Für klima­relevante Erkenntnisse müsste es eine mindestens 30-jährige Testreihe geben.

Für den Meteorologen Alexander Orlik von der ZAMG lassen sich die Theorien in Österreich durch keine wissenschaftlichen Ergebnisse beweisen. „Das ist sehr schwer zu erfassen“, sagt er. Man müsste immer dort eine Messstation haben, wo ein Gewitter passiert.

Klar sei aber auch, dass sich „die globale Zirkulation“ verändert habe. Das wirke sich auch auf Österreich aus.

Doch noch ein Punkt ist dem Meteorologen wichtig – und auch der spielt in das subjektive Gefühl hinein. „Jeder hat heute ein Handy und macht Fotos und Videos von Hagelschauern. Dadurch entsteht das Gefühl, dass die Ereignisse mehr werden.“ Zudem kämen, neben dem Klimawandel, auch andere „zivilisatorische Einwirkungen“ auf die Umwelt – „etwa die mehr verbauten und versiegelten Flächen“.