Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 03.01.2017


Osttriol

Zukunft von Lienz ist heiß und trocken

Lienz ist österreichische Pilotgemeinde für eine Klimastudie, die bis 2100 vorausblickt. Die Prognose: mehr Tropentage und Naturkatastrophen, weniger Schnee. Dafür gilt es sich schon heute zu rüsten.

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Von Catharina Oblasser

Lienz — Zwei Grad wärmer, das klingt nach nicht viel. Doch wenn sich die durchschnittliche Temperatur im Lienzer Talboden um dieses Maß erhöht, hat das größere Folgen als gedacht. Auch die Zahl der so genannten Tropentage mit mehr als 30 Grad wird künftig nicht mehr die Ausnahme sein — im Sommer, aber auch teils im Herbst.

Das und viel mehr geht aus einer Studie der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) hervor. Der Lienzer Talboden diente der ZAMG als österreichische Pilotregion. Am Projekt arbeiteten auch Vertreter der Stadt Lienz und der Kammern sowie Unternehmer aus dem Talboden mit. Die Studie bietet eine Prognose von heute bis zum Jahr 2100. Und es wird heiß: Gab es zwischen 1981 und 2010 durchschnittlich neun Tropentage pro Jahr, so werden es bis 2046 schon 14 sein, bis 2066 sind 19 Tropentage prognostiziert und bis 2099 gar 35. Die Zahl der Frosttage sinkt im gleichen Maß. Trockenperioden werden länger, Starkregen häufiger. Der Schnee lässt immer öfter auf sich warten. In den letzten 50 Jahren ist die Gesamtschneehöhe laufend gesunken. Dieser Trend wird sich schon aufgrund der wärmeren Temperaturen fortsetzen.

„Das Projektteam hat aus den Daten vier konkrete Themen für Osttirol herausgefiltert", sagt Oskar Januschke, der für die Stadt Lienz mit dabei war. „Danach wurden Möglichkeiten ausgearbeitet, was wir gegen die Gefahren tun können."

1. Niederschlagsbedingte Naturgefahre­n wie Felsstürze, Muren, Hangrutschungen und Überflutungen werden laut Meteorologen an der Alpensüdseite häufiger. Das ist auf die viele feuchte Luft im Golf von Triest zurückzuführen, die auch nach Osttirol strömt. Abhilfe bieten nicht nur eine Anpassung der Notfallpläne, größer dimensionierte Kanalanlagen oder mehr Schutzbauten, sondern auch eine Änderung der Raumordnungskonzepte und der gelben und roten Zonen. Wo niemand wohnt, kann eine Mure oder ein Hangrutsch auch nicht so viel Schaden anrichten.

2. Extreme Hitze- und Dürreperioden nehmen zu. Die vorgeschlagenen Maßnahmen reichen von Trinkwasserspendern in öffentlichen Gebäuden über Fassaden- und Dachbegrünungen bis hin zu weniger Glas an der Fassade. Neu ist die Idee von so genannten Trinkpaten, die im Rahmen der Nachbarschaftshilfe darauf achten, dass besonders ältere Menschen ausreichend trinken. Diese sind ebenso wie Kleinkinder besonders empfindlich gegen große Hitze. Bauern werden möglicherweise auf hitzefestere Pflanzen und Tiere umstellen müssen. Und im Wald gilt es besonders Bränden vorzubeugen. Wenn erhöhte Brandgefahr besteht, soll dies durch ein tagesaktuelles Warnsystem über Internet und SMS bekannt gemacht werden. Höhere Temperaturen haben nicht nur Nachteile: So kann über einen längeren Zeitraum im Jahr angebaut werden, vielleicht wird es sogar warm genug für den Weinbau.

3. Die Fähigkeit zum Zivil- und Selbstschutz wird schlechter. Dies deshalb, weil die Osttiroler Bevölkerung immer älter und damit meist auch gebrechlicher wird. Rettungsorganisationen könnten nicht mehr genug Mitarbeiter finden. Als Gegenmaßnahme schlägt das Projektteam unter anderem vor, neue Freiwillige der Generation 60 plus sowie Frauen und Migranten gezielt anzusprechen. Ehrenamtlich tätige Personen könnten bei Personalbesetzungen der Stadt bevorzugt werden, besondere Leistungen von Freiwilligen sollen noch mehr gewürdigt werden als bisher, etwa mit Ehrungen.

4. Nicht zuletzt wird der Schneemangel dem klassischen Wintertourismus immer stärker zusetzen. Auch mit Schneekanonen wird sich das Problem auf längere Sicht nicht mehr lösen lassen. Hier gilt es neue Ideen anzubieten. Die Liste der Vorschläge ist umfangreich: Sie umfasst ein Comeback der guten alten Sommerfrische mit höherem Komfort, speziell für ältere Gäste, Luxusberghütten, ganzjährige Kultur- und Kunstangebote oder alpine Wellness. Dabei können Luft, Höhenlage, Licht und Stille zum Tragen kommen. Auch die Kulinarik soll eine wichtige Rolle spielen.

Vorsorge auf sehr breiter Basis

Die Klimastudie der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) ist Teil einer umfassenden Vorsorgestrategie der Stadt Lienz. Neben der Prognose des Klimas der Zukunft wurden auch Szenarien zur Bevölkerung und zur wirtschaftlichen Zukunft entwickelt.

Das Projekt soll Risiken bewusst machen, die sich aus dem Klimawandel, der möglichen Abwanderung und den Folgen ergeben. Daraus können die Entscheidungsträger vor Ort Maßnahmen zum Gegensteuern entwickeln. (co)


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