Letztes Update am Mi, 24.01.2018 20:38

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Tirol

Nach Schneechaos: Felsstürze und Hangrutsch im Oberland

Die gefährliche Wettersituation ist in Tirol vorerst glimpflich zu Ende gegangen. Fast alle Straßen sind nach dem Schneechaos wieder offen. Die Lawinenexperten warnen trotzdem, die Situation nicht zu unterschätzen. Im Oberland sind drei Straßen nach Naturereignissen blockiert.

© BBA Imst/SchatzFelssturz auf die L17 Piller Landesstraße zwischen Fließ und Neuem Zoll.



Innsbruck — Zwar ist die Lawinengefahr in Tirol vielerorts zurückgegangen, doch das bedeutete keinesfalls Entwarnung. Spontane Abgänge seien jederzeit möglich, betont der Lawinenwarndienst Tirol. Die Experten des Landes stuften die Gefahr nun als "erheblich", also mit Stufe 3 der fünfteiligen Skala, ein. Unterhalb von 2000 Metern herrschte verbreitet nur mehr "mäßige" Gefahr.

Allein am Mittwoch seien auf den wegen erhöhter Gefahr gesperrten Straßen viele Lawinen abgegangen. Die Lawinenschutz-Verbauungen hätten in vielen Fällen Schlimmeres verhindert. Für morgen, Donnerstag, plant der Lawinenwarndienst umfangreiche Schneeprofil-Untersuchungen in den lawinenheikelsten Gebieten.

„Morgen, Donnerstag, werden drei Bundesheer-Hubschrauber ab 9 Uhr weitere Lawinenerkundungsflüge für Lawinenkommissionen im Pitz- und Kaunertal sowie in Pettneu a. A. durchführen. Die Wildbach- und Lawinenverbauung wird Schutzbauten in Kappl, Serfaus und im Achenseegebiet kontrollieren", erklärt Marcel Innerkofler, Leiter der Landeswarnzentrale. Mittlerweile steht auch eine Blackhawk-Maschine des Bundesheeres in der Landecker Pontlatzkaserne für Personen- und Materialflüge in Bereitschaft.

Felsstürze und Hangrutsch im Oberland

Im Oberland führten am Mittwoch drei Naturereignisse zu Sperren von drei Straßen: Ein Felssturz hat die L17 Piller Landesstraße zwischen Fließ und Neuem Zoll verlegt. Eine Begutachtung durch den Landesgeologen Werner Thöny hat ergeben, dass diese Verkehrsverbindung für mehrere Tage gesperrt bleiben muss, weil zur Gefahrenbehebung umfangreiche Abräum- und Sicherungsarbeiten nötig sind.

Wegen eines Hangrutschs ist auch die L286 Ladiser Straße zwischen Ried im Oberinntal und Ladis gesperrt. Auch diese Verkehrsverbindung bleibt für mehrere Tage gesperrt, weil aufwendige Abräum- und Sicherungsarbeiten durchgeführt werden müssen.

"Die Hänge sind voll Wasser, zudem treten mit den milden Temperaturen nach ergiebigem Schneefall auch starke Schmelzwässer auf. Diese beiden Zutaten haben jetzt zu diesem Felssturz und dem Hangrutsch geführt", erklärte Landesgeologe Gunther Heißel.

In beiden Fällen ist es glücklicherweise zu keinen Personen- oder Sachschäden gekommen.

Auch in Elbigenalp kam es am Nachmittag zu einem Felssturz. Dort wurde die B 198 Lechtalstraße verlegt. Die Aufräumarbeiten sind im Gange, bis Donnerstag wird aber nur eine Fahrspur frei sein. In Fahrtrichtung Reutte brauchen Autofahrer daher zehn Minuten länger.

Fast alle Straßen wieder offen, auch Arlbergbahnstrecke frei

Nach dem Schneechaos in Tirol konnten die meisten Straßen wieder geöffnet werden, nur mehr kleinere Straßenverbindungen waren gesperrt. Am Dienstagabend konnten die Verkehrsverbindungen ins hintere Pitztal, das Schmirn- und Gschnitztal wieder frei gegeben werden. Der Fernpass und die Seefelder Straße bei Scharnitz wurden gegen 19 Uhr geöffnet, ebenso die Straße ins Venertal.

Bereits gegen Mittag wurde dam Dienstag die Sperre der B188 ins Paznauntal aufgehoben, damit sind die Tourismusorte See, Kappl, Ischgl und Galtür wieder erreichbar. Auch die Arlberg Straße (B197) und die Reschenstraße (B180) sind wieder passierbar.

Auch die Arlbergbahnstrecke wurde am Mittwoch wieder freigegeben. Seit 14.30 Uhr verkehren die ersten Züge wieder planmäßig.

Stufe 3 wird oft unterschätzt

Die meisten Lawinenunfälle passieren bei Warnstufe 3, also bei "erheblicher" Lawinengefahr. Dies liege daran, dass viele Tourengeher die Stufe 3 einfach unterschätzen, erklärte Rudi Mair, Leiter des Tiroler Lawinenwarndienstes, am Mittwoch. Er riet allen unerfahrenen Tourengehern, auch in den kommenden Tagen auf den gesicherten Pisten zu bleiben.

Die Gefahr durch Lawinen betreffe bei Stufe 3 nicht mehr Siedlungen und Infrastruktur, sondern die Tourengeher. "Ich konnte selbst gerade eben vom Hubschrauber aus beobachten, wie Tourengeher eine Lawine losgetreten haben", erzählte Mair, der den gesamten Mittwoch auf Erkundungsflügen im Einsatz war.

Bei Stufe 4 würden die meisten Leute den freien Skiraum bereits scheuen, dies sei bei Stufe 3 nicht der Fall, da sie genau in der Mitte liege. "Der große Unterschied zwischen den Stufen 1 und 2 und der Stufe 3 ist aber, dass es bei 1 und 2 eine große Zusatzbelastung braucht, um eine Lawine auszulösen, bei Stufe 3 reicht aber schon ein einzelner Wintersportler", so Mair.

Wer bei Stufe 3 Touren gehen will, sollte sich in der Beurteilung der Lawinengefahr gut auskennen und einiges an Erfahrung haben, betonte der Leiter des Lawinenwarndienstes. Er riet allen, die trotzdem nicht auf das Skitourengehen verzichten wollen, keine steilen Hänge zu befahren und vor allem auf frische Triebschneepakete zu achten. Diese würden in den kommenden Tagen aufgrund des prognostizierten Föhns wieder vermehrt entstehen.

Für die nächsten Tage ging Mair davon aus, dass die Warnstufe in Tirol bei 3 bleiben werde. Der Wind reiche nicht aus, um die Lawinengefahr zu erhöhen, da nur sehr geringe Neuschneemengen vorhergesagt seien. (TT.com)