Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 19.05.2019


Exklusiv

Später Wintereinbruch bringt viele Schäden und Verluste in Tirol

Ernteausfälle und späterer Beginn der Almsaison: Das nasskalte Wetter der letzten Tage passt Tirols Landwirten und Imkern so gar nicht in die Rechnung. Bienen müssen derzeit notgefüttert werden, die Tiroler Marillenernte fällt für heuer komplett aus.

Trotz vorheriger Frostberegnung der Blüten konnte Obstbauer Maass seine Marillen nicht retten.

© privatTrotz vorheriger Frostberegnung der Blüten konnte Obstbauer Maass seine Marillen nicht retten.



Von Liane Pircher, Irene Rapp

Innsbruck — Im Vorjahr ist Josef Lanzinger, Obmann des Almwirtschaftsvereins, am 8. Mai mit seinen Tieren auf seine Alm in Söll aufgefahren. Heuer wird es der 20. Mai werden.

„Bei manchen Almbauern könnte es aber auch erst Ende Mai und bei einigen im Oberland sogar Ende Juni auf die Alm gehen", weiß er zu berichten. Der Grund ist zum Teil unübersehbar: In vielen Regionen liegt noch bis in tiefe Lagen Schnee. Ziemlich eingeschneit ist derzeit noch etwa die Marienbergalm auf 1622 Metern Seehöhe bei Obsteig. „Im letzten Jahr hatten wir am 5. Mai schon offen, heuer wird es um einige Wochen später sein", sagt Hüttenwirt Christian Soraperra.

Während die Hüttenwirte und Almbauern „nur" damit rechnen müssen, später in die Saison zu starten, ist für Marillenbauer Gerhard Maass in Prutz schon jetzt klar: Heuer wird es keine Tiroler Marillen geben. Zwar konnte man mittels Frostberegnung die Blüten schützen, nach dem Verblühen aber gab es für die etwa ein Zentimeter große Frucht keine Rettung: „So wie es jetzt aussieht, sind fast 100 Prozent unserer Marillen nach den kühlen Tagen kaputt. Die Marille ist sehr empfindlich und schafft keine Unter-Null-Temperaturen als Frucht bis zur Ernte", erklärt Senior-Chef Maass.

Es ist der dritte Ernteausfall binnen vier Jahren. Eine Ausfallversicherung greife zwar, decke aber nur die Aufwandskosten, verdienen lässt sich damit nichts. Trotzdem will Maass sich nicht beirren lassen und beim Marillenanbau bleiben: „Wir sind mit 12.000 Bäumen die größte Marillenanlage Österreichs, die Marille ist nun mal die Königsdisziplin, und wenn sie gelingt, ist sie wunderbar."

Eine Spur besser geht es Tirols Äpfelbauern, ihre Blüten halten leichte Minusgrade eher aus. Ein Problem war aber auch hier zuletzt die mangelnde Bestäubung durch Bienen. Diese fliegen nämlich erst bei zehn Grad plus aus und blieben die letzten Wochen angesichts der kühlen Temperaturen im Stock.

„Das Problem ist, dass die Bienen ihre eigenen Vorräte aufbrauchen, wenn sie gar nicht oder nur stundenweise ausfliegen können. In vielen Stöcken wurde jetzt das Futter knapp, Imker müssen notfüttern, weil die Bienen sonst verhungern", erklärt Reinhard Hetzenauer, Tirols Imkerverbandspräsident.

Abseits der mangelnden Bestäubung, die ein Schaden für die Landwirtschaft ist, wird es heuer weniger heimischen Honig geben. Normalerweise, so Hetzenauer, gebe es zu dieser Zeit bereits einen ersten Honigertrag. Heuer nicht. Und nachdem die Bienensaison naturgemäß mit dem 20. Juli aufhört, werde man insgesamt mit einer geringeren Ernte rechnen müssen, weil die Bienen weniger oft Futter sammeln konnten.

Futterprobleme plagen auch einige Tiroler Bauern. Für saftiges Grün treiben sie ihr Vieh im Sommer auf 2000 Almen im Land, da zählt jeder Tag: „Nach dem trockenen Sommer 2018 musste Futter zugekauft werden. Das geht jetzt aus und ist mit einem verzögerten Start in die Almsaison zuzukaufen", sagt Lanzinger. Dazu kommt: Nach einem vor allem im Unterland sehr schneereichen Winter mit viel Schadholz bedeutet der Start in die neue Almsaison viel Zusatzarbeit. „Umgestürzte Bäume müssen entfernt und zahlreiche zerstörte Zaunpfähle ersetzt werden."

Mit einem blauen Auge kommt aktuell Tirols Gemüsebau davon. Dort verzeichnete man einen guten Start mit einer frühen Radieschenernte, der Salat ging gut auf, das Abdecken mit Schutzfolien war eine Hilfe. „Momentan allerdings hinkt das Wachstum durch viele kühle Nächte wieder etwas hintennach", erklärt Romed Giner, Sprecher der Gemüsebauern. Verzögern wird sich daher vor allem die Tiroler Erdbeerernte.

Jetzt allerdings hofft man endlich auf wärmeres Wetter. „Ab einer Temperatur von vier Grad wächst das Gras und nachdem die Feuchtigkeit vorhanden ist, wächst es bei beständiger Wärme auch besser", setzt Lanzinger auf Grundoptimismus.