Letztes Update am Do, 18.07.2019 16:12

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Kanada

T-Shirt-Wetter nah am Nordpol: Arktis-Station meldet Wärmerekord

Warme Brise nördlich des Polarkreises? Im äußersten Norden Kanadas messen Forscher beunruhigend hohe Temperaturen: In der Ortschaft Alert steigt das Thermometer auf 21 Grad. Nah am Nordpol ist es damit Mitte Juli zeitweise wärmer als in Berlin oder Hamburg.

"Arktische Hitzewelle": Warme Luft strömt im Juli bis in den hohen Norden Kanadas.

© AFP"Arktische Hitzewelle": Warme Luft strömt im Juli bis in den hohen Norden Kanadas.



Alert — Staunend blicken Meteorologen auf die Messdaten aus der nördlichsten, dauerhaft bewohnten Siedlung der Erde: Im nordkanadischen Alert kletterte das Quecksilber am vergangenen Sonntag auf 21 Grad Celsius, wie der kanadische Wetterdienst mitteilte. Der Ort liegt weniger als 900 Kilometer vom Nordpol entfernt.

Der ungewöhnliche Spitzenwert für diese Region sticht weit aus den dort üblichen Durchschnittstemperaturen für Juli heraus. In Alert leben neben 50 Spezialisten des kanadischen Militärs auch einige wenige Zivilisten. Normalerweise, heißt es, erwärmt sich die Luft hier in der hohen Arktis zu dieser Jahreszeit im Schnitt auf nicht mehr als 3,4 Grad.

„Arktische Hitzewelle"

„Das ist wirklich ziemlich spektakulär", fasste der Chef-Meteorologe im kanadischen Umweltministerium, David Phillips, seine Eindrücke mit Blick auf die Daten aus Alert zusammen. Eine solche „arktische Hitzewelle" habe es in der Region in dieser ausgeprägten Form noch nicht gegeben.

T-Shirt-Wetter ist in diesen Breitengraden selbst im Sommer ungewöhnlich. Doch in diesem Jahr verzeichnen auch Wetterstationen im benachbarten Nordwest-Territorium und in Yukon außergewöhnlich hohe Temperaturen. Mit dem Spitzenwert vom Sonntag war es in Alert am Rande des „ewigen Eises" sogar wärmer als in Teilen Europas. In Berlin etwa lagen die Tageswerte am 15. Juli ebenfalls nur bei 18 bis 22 Grad.

„Hamburg war hingegen kühler als Alert mit 16 bis 17 Grad", bestätigte Meteorologe Björn Alexander gegenüber n-tv. Alert im Norden Kanadas weise zwar ein durchgehend polares Klima auf. Dennoch gab es auch dort in der Vergangenheit im Sommer schon Temperaturspitzen von 15 bis 20 Grad. „Insofern ist dieser neue Rekord 21 Grad nicht extrem über dem alten Rekord von 20 Grad", meinte er. „Wesentlich außergewöhnlicher wäre eine längere warme Periode."

Und genau das scheint sich dort abzuzeichnen. Der gesamte Norden des amerikanischen Kontinents erlebe derzeit eine Rekorde brechende Hitzewelle, berichtete die kanadische Rundfunkanstalt CBC. Die Daten aus Alert seien nur die letzte Anomalie einer „schon jetzt langen und ungewöhnlich heißen arktischen Sommersaison".

„Ziemlich unglaubliche Statistik"

Die in Alert gemessenen 21 Grad seien für die nördlichste Wetterstation des kanadischen Wetterdienstes ein „absoluter Rekord", erklärte der Meteorologe Armel Castellan. „Das ist eine ziemlich unglaubliche Statistik." Castellan stufte die Werte aus Alert als weiteres Beispiel für die Temperaturentwicklungen im Zusammenhang mit der Erderwärmung ein.

Gänzlich unbekannt sind Warmluftströmungen im extremen Norden tatsächlich nicht. Vereinzelt wurden in den vergangenen Jahrzehnten bereits Vorstöße in Richtung 20-Grad-Marke gemessen. Der bisherige Wärmerekord in Alert lag bei exakt 20 Grad und wurde am 8. Juli 1956 gemessen. In den vergangenen Jahren nahmen jedoch auch hier in der Arktis die Temperaturausschläge nach oben zu. Seit dem Jahr 2012 seien an mehreren Sommertagen in der Arktis schon Temperaturen zwischen 19 und 20 Grad erreicht worden, betonte Castellan.

Basis der kanadischen Streitkräfte

Alert liegt am 82. Breitengrad am Ufer des Arktischen Ozeans auf Höhe der Nordspitze Grönlands. Die einsam gelegene Ortschaft markiert die äußersten nordöstlichen Ausläufer der Ellesmere-Insel. Geografisch befindet sich Alert sehr viel näher am Nordpol als am Polarkreis. Diese Grenze zur arktischen Zone verläuft von Alert aus gesehen rund 1800 Kilometer im Süden.

Die Basis der kanadischen Streitkräfte besteht aus ein paar wenigen Häusern und ist mit einem kleinen Flugfeld ausgestattet. Eingerichtet wurde der Posten einst während des Kalten Krieges, um russische Kommunikationssignale abzuhören. Seit 1950 betreibt der kanadische Wetterdienst dort neben den militärischen Einrichtungen auch eine meteorologische Messstation. (TT.com, AFP)