Letztes Update am Mi, 11.11.2015 09:32

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Ignaz-Lieben-Symposium

Wissen über Tunnelbau in Österreich stammt aus NS-Zeit

Wesentliche Grundlagen zur Österreichischen Tunnelbaumethode stammen scheinbar aus Projekten, die mit KZ-Häftlingen während der NS-Zeit durchgeführt wurden. Das Thema wird am Donnerstag bei einem Symposium in Wien zur Sprache kommen.

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© Thomas Boehm / TTSymbolfoto.



Wien – Seit den 1960er-Jahren heftet sich die Republik die Neue Österreichische Tunnelbaumethode (NÖT) als Errungenschaft des Wiederaufbaus stolz auf die Fahnen. Was dabei nicht thematisiert wird: Wesentliche Grundlagen stammten aus Projekten der NS-Zeit, in denen KZ-Häftlinge Zwangsarbeit bei Stollen- und Tunnelbau leisten mussten, wie Historiker Bertrand Perz im APA-Interview erklärte.

Perz‘ Arbeit zur NÖT und ihrem Pionier Ladislaus von Rabcewicz ist Teil des am Donnerstag in Wien startenden Ignaz-Lieben-Symposiums, das sich heuer mit „Wissenschaft, Technologie und industrielle Entwicklung in Zentraleuropa im Kalten Krieg“ beschäftigt. Das Symposium wird von der Ignaz-Lieben-Gesellschaft und der Österreichischen Akademie der Wissenschaften veranstaltet.

Gerade in der zugespitzten Situation des Kalten Krieges konnten Kontinuitäten technologischer Entwicklungen, die in die Zeit des Nationalsozialismus zurück reichten, von ihren Protagonisten gut verborgen werden. Dabei half, dass Technologie häufig „von jedweder Ideologie freigesprochen“ wurde, meinte Perz. Technik sei per se unpolitisch, lautete die gern bemühte Argumentationslinie und Rechtfertigungsstrategie.

Allerdings hätten auch viele österreichische Ingenieure und Techniker, die in der Nachkriegszeit aktiv waren, sehr wohl an Projekten mitgearbeitet, die dazu beitragen sollten, die NS-Herrschaft in Europa durchzusetzen. Sie taten dies nicht unter Zwang, sondern stimmten auch ideologisch mit dem Nationalsozialismus überein, erklärte Perz.

Loibltunnel von Zwangsarbeitern erbaut

Ladislaus von Rabcewicz etwa – der nach dem Zweiten Weltkrieg dann sein Patent für die Neue Österreichische Tunnelbaumethode einreichte – begann seine universitäre Karriere 1938 an der Technischen Universität Wien, wo er nach massiver politischer Intervention und mithilfe der SS eine Professur erhielt. „Dort arbeitete er fortan direkt für Kriegs- und Rüstungsprojekte“, schilderte Perz.

So war er beispielsweise am Bau des Loibltunnels beteiligt, der ab 1943 von Häftlings-Zwangsarbeitern aus den beiden Außenlagern des Konzentrationslagers Mauthausen errichtet wurde. In den beiden KZ-Lagern Loibl Nord und Loibl Süd sind zwischen 1943 und 1945 rund 40 Zwangsarbeiter ums Leben gekommen.

Für den Bau eines riesigen unterirdischen Raketenforschungszentrums für die Raketentechniker rund um Wernher von Braun in Ebensee, das so vor Luftangriffen geschützt werden sollte, erstellte Rabcewicz ein umfassendes Gutachten. Dieses berücksichtigte auch, wie viele KZ-Häftlinge dort eingesetzt werden sollten. Noch 1944 habe er ein Buch verfasst, in denen er „praktische Erkenntnisse“ aus „allerneuester Zeit“ einbezog, erklärte Perz.

Auge zugedrückt für notwendige Entwicklungen

Wenige Jahre nach Kriegsende reichte er ein Tunnelbau-Patent ein, das wesentliche Elemente des ab den 1960er-Jahren von ihm als Neue Österreichische Tunnelbaumethode bezeichneten Verfahrens enthielt. Als aktiver Nationalsozialist musste er allerdings die TU verlassen. Ehrungen erhielt er – nicht nur von der Technischen Universität Wien – dennoch. Unter anderem wurden ihm die Ritter von Prechtl-Medaille oder die Wilhelm-Exner-Medaille zugesprochen. „Er war ganz klar ein Nationalsozialist, hatte dem Regime aktiv gedient und war direkt mit KZ-Zwangsarbeit in Berührung gekommen, darüber wurde aber nie wieder gesprochen“, so der Historiker.

Gerade bei Technikern und ihren Entwicklungen, die nach 1945 dringend gebraucht wurden, sei gerne einmal ein Auge zugedrückt worden. „Es gibt viele Erfindungen oder Bauwerke, die man dem Wiederaufbau zuschreibt, deren Wurzeln aber in der NS-Zeit liegen. Diese Ursprünge wurden in der Nachkriegszeit dann verdeckt“, erklärte Perz.

Zudem sei es für die junge Zweite Republik nicht ungelegen gekommen, Erfindungen wie die NÖT als „Erfolgsstorys des Wiederaufbaus“ zu vermarkten und so auch einen Beitrag zur Identitätsstiftung zu leisten. Mit seiner Benennung in „Neue Österreichische Tunnelbaumethode“ nationalisierte Rabcewicz seine Technologie, die einen weltweiten Siegeszug antreten sollte, noch zusätzlich und kam damit dem Interesse des österreichischen „nation building“ entgegen. „Das passte in das österreichische Wiederaufbau-Narrativ, der sich vom Kraftwerk Kaprun bis zu den Göring-Werken, die zur Voest wurden, erstreckte“, meinte der Historiker.

Auch Rabcewicz sei kein Einzel-, sondern eher ein typischer Fall gewesen. Viele Techniker seien ohnehin zu Kriegsende mit den Operationen „Paperclip“ und „Overcast“ für die Arbeit in den USA rekrutiert worden, schilderte Perz. Im Gegensatz zu anderen Disziplinen sei der Umgang mit Personen und Wissen der NS-Zeit aus technischen und ingenieurwissenschaftlichen Fächern in der Nachkriegszeit in Österreich wissenschaftlich jedoch noch viel zu wenig aufgearbeitet worden. (APA)