Letztes Update am Di, 08.12.2015 14:08

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Forschung

Für immer jung: Kleiner Süßwasserpolyp altert nicht

Ein kleiner Süßwasserpolyp altert nicht und kann sich selbst regenerieren. Zehn Jahre lang haben deutsche Wissenschaftler die Wassertierchen untersucht.

Im Max-Planck-Institut für demografische Forschung wurden die kleinen Süßwasserpolypen zehn Jahre lang beobachtet.

© MPIDRIm Max-Planck-Institut für demografische Forschung wurden die kleinen Süßwasserpolypen zehn Jahre lang beobachtet.



Rostock – Er hat das, wovon viele Menschen träumen: Der kleine Süßwasserpolyp der Gattung Hydra altert nicht und kann sich selbst regenerieren. Das haben Forscher des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung in Rostock in einem Langzeitexperiment herausgefunden, wie das Institut am Dienstag mitteilte.

Zehn Jahre lang haben die Wissenschafter die Wassertierchen beobachtet und festgestellt, dass ihre Sterblichkeit dauerhaft extrem niedrig und konstant bleibt. Für die meisten Arten wie den Menschen steigt die Wahrscheinlichkeit, mit den Jahren immer weiter an. Bei Hydra blieb sie hingegen konstant bei niedrigen 0,6 Prozent. Menschen erleben diesen Wert nur als junge Erwachsene zwischen 20 und 30 Jahren.

Für Hydra scheint die Evolution hingegen einen Weg gefunden zu haben, dem körperlichen Abbau im Alter zu entkommen. Anders als beim Menschen nahm auch die Geburtenrate der Süßwasserpolypen mit den Jahren nicht ab. Die Tiere pflanzten sich vielmehr immer weiter fort.

Natürlichen Sterbefälle an einer Hand abzählbar

Für ihr Langzeitexperiment schufen die Rostocker Forscher den kaum zentimetergroßen Wassertierchen mit den mikroskopisch dünnen Tentakeln künstliche Bedingungen ohne natürliche Todesgefahren wie Fressfeinde. Seit fast zehn Jahre halten sie rund 1.800 der Mini-Tierchen in einem Labor, jeweils getrennt in einer Glasschale und unter konstanten Bedingungen. Seit Beginn des Experiments im März 2006 vermehren sich die Hydras asexuell, indem sie Ableger ausknospen.

Die natürlichen Sterbefälle ließen sich an einer Hand abzählen: Pro Jahr starben durchschnittlich gerade mal fünf der Tierchen, meistens durch einen Laborunfall. Die Polypen blieben an den Deckeln ihrer Glasbehälter heften und vertrockneten, oder sie fielen auf den Boden. Aus den wenigen natürlichen Toden berechneten die Wissenschafter dann die Sterblichkeit. Die ist demnach so niedrig, dass „selbst nach 500 Jahren“ noch fünf Prozent eines Polypen-Jahrganges am Leben wären. In zwei der zwölf untersuchten Hydra-Gruppen war das Sterberisiko sogar so verschwindend klein, dass es 3.000 Jahre dauern würde, bis nur noch fünf Prozent leben.

„Hydra schafft es anscheinend, ihren Körper jung zu halten, ohne wie andere Lebewesen Schäden und Mutationen anzuhäufen und dadurch letztlich zu vergreisen“, erklärte MPI-Experte Alexander Scheuerlein. Maßgeblich dafür ist die Fähigkeit der Polypen zur Regeneration. So schafft es Hydra, kaputte oder verloren gegangene Körperteile komplett zu ersetzen. Sie kann sich sogar aus einem fast komplett zerstörten Körper wieder voll regenerieren, da ihr Anteil von Stammzellen besonders hoch ist. Aus einer Stammzelle kann sich jederzeit ein beliebiges Körperteil entwickeln. Die Studie wurde im Fachjournal PNAS veröffentlicht. (APA/AFP)