Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 27.05.2016


Imst

Auch Bergwanderer halten Ausschau nach Ötzis Spuren

Die Gletscherarchäologie zählt zu den Gewinnern der Klimaerwärmung. In den Ötztaler Alpen sind heuer archäologische Begehungen geplant.

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© Uni Innsbruck



Von Alexander Paschinger

Sölden, Innsbruck – Als das Ehepaar Simon am 19. September 1991 über den Fund am Similaun stolperte, meldeten sie noch eine Gletscher­leiche. Der zufällig vorbeikommende Bergsteiger Reinhold Messner ortete schon einen 500 Jahre alten Knappen von Friedl mit der leeren Tasche und wurde dafür belächelt. 25 Jahre später lacht keiner mehr: Ötzi, der Mann aus dem Eis, ist satte 5250 Jahre alt.

Während die Klimaerwärmung für globale Umwälzungen sorgt, freuen sich gerade die Archäologen in den Alpen über neues Terrain, das von den zurückziehenden Gletschern freigegeben wird. „Wir haben mittlerweile fünf Fundstellen vom Neolithikum (Jungsteinzeit, Anm.) bis zur Neuzeit in den Ötztaler Alpen“, sagt der Ötztaler Archäologe Thomas Bachnetzer. 2012 führte das Amt für Bodendenkmäler Bozen Ausgrabungen im Bereich des Rotmoosferners durch, die Fell- und Hornteile eines Steinbocks zutage förderten. Die Analyse ergab, dass das Tier zwischen 1450 und 1300 Jahre vor Christus (Bronzezeit) lebte.

Funde wie dieser führten zu einem Projekt der Innsbrucker Archäologen unter der Leitung von Univ.-Prof. Harald Stadler: „Gletscherarchäologie in den österreichischen Alpen“ startete im Vorjahr und brachte unter anderem am Vorderen Umbaltörl am Übergang von Osttirol nach Südtirol ein viel beachtetes Holzstück mit geschnitzten Kerben aus der Eisenzeit (724 bis 400 v. Chr.) zutage.

Heuer, im Jubiläumsjahr des Ötzi-Fundes, ist man wieder im Ötztal aktiv. Neben den Mitarbeitern der Uni Innsbruck könnten auch (wie in Osttirol) Bergrettung und Alpenverein eingebunden werden, geht es doch darum, an den Rändern der Gletscher die Augen offen zu halten. „Einen neuen Ötzi finden“, sinniert Harald Stadler, „warum nicht? Als Archäologe ist man immer Optimist.“ Dass es in den Ötztaler und Stubaier Alpen heuer derartige „Prospektionen“, also Begehungen, geben wird, das ist als Kundmachung so mancher Gemeinde auf der Amtstafel angeschlagen.

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Demnächst werden auch unbeteiligte, aber interessierte Bergwanderer auf den Alpenvereinshütten der Region angesprochen. Derzeit ist ein Fundmeldungs-Folder in Ausarbeitung, der darüber Auskunft gibt, wie man sich verhalten und was man beachten sollte. Wer bereits jetzt „etwas im Eis gefunden“ hat, soll sich beim Institut für Archäologien melden.

Das Projekt, das von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften gefördert wird, dauert bis Ende März 2017. Im Herbst findet vom 12. bis 16. Oktober das Internationale Gletscherarchäologie-Symposium „Frozen Pasts 4“ in Innsbruck statt.