Letztes Update am Di, 07.06.2016 09:28

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Forschung

Moderne Europäer stammen von Bauern aus der Ägäis ab

Die Landwirtschaft hat sich in Europa durch Migration und nicht durch die Weitergabe von Wissen ausgebreitet, fand ein Forscherteam unter österreichischer Beteiligung heraus.

Die Gletschermumie "Ötzi" in der Kältekammer in Bozen.

© Thomas Boehm / TTDie Gletschermumie "Ötzi" in der Kältekammer in Bozen.



Wien/Innsbruck - Die heutigen Europäer stammen von Bauern aus der Ägäis ab, die vor einigen Tausend Jahren über die Balkan-und Mittelmeerroute kamen und die hiesigen Jäger und Sammler verdrängten, fand ein Forscherteam mit österreichischer Beteiligung heraus. Die Landwirtschaft hat sich also durch Migration und nicht die Weitergabe von Wissen in Europa ausgebreitet, so die Wissenschafter im Fachjournal „PNAS“.

Unter der Leitung des Paläogenetikers Joachim Burger von der Universität Mainz haben die Wissenschafter Teile des Erbguts (die mütterlich vererbte mitochondrielle DNA) von fünf Jungsteinzeit-Menschen sequenziert, die im Zeitraum von 6.500 bis 4.000 vor Christus im heutigen Griechenland und der Türkei rund um die Ägäis gelebt hatten, und zwar von der Landwirtschaft. Diese DNA-Sequenzen haben die Forscher mit jenen von frühen Bauern in Europa verglichen, sowie von „modernen“ Europäern.

Auch Ötzi stammte von ägäischen Ur-Bauern ab

Dabei fanden sie eine kontinuierliche genetische Linie von den Ur-Bauern in der Ägäis bis zu jenen in Mittel- und Südeuropa, erklärte Barbara Horejs vom Institut für Orientalische und Europäische Archäologie (OREA) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Auch Ötzi, die berühmte Eismumie aus den Alpen, stamme von ägäischen Ur-Ackerbauern ab. Außerdem konnten die Wissenschafter zwei Routen identifizieren, über die sich die frühen Siedler ausgebreitet haben: Einerseits strömten sie über die Balkanroute ins Zentrum Europas, und fast zeitgleich drangen sie auch über das Mittelmeer bis zur Iberischen Halbinsel vor.

Diese Bauern haben die Jäger und Sammler, die damals in Europa lebten, offensichtlich verdrängt und sich kaum mit ihnen vermischt. „Es scheint zwar zu spärlichen Kontakten gekommen zu sein, aber alle modernen Populationen in Europa tragen eindeutig den ägäischen Schriftzug auf ihrem Erbgut“, sagte Horejs. Von der ursprünglichen Bevölkerung ist - weder in Europa noch am Genom - nicht mehr viel übrig geblieben.

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Bisher sei es umstritten gewesen, ob sich Ackerbau und Viehzucht in Form von großen Migrationsbewegung oder durch „kulturelle Diffusion“, also die Verbreitung von Techniken und Wissen ausgebreitet hat, so die Forscher. „Unsere Studie liefert der Vorstellung den Gnadenstoß, dass sich die Landwirtschaft nach und in Europa durch die Verbreitung von Ideen ohne nennenswerte Migration von Menschen ausgebreitet hat“, schrieben sie.

In einer anderen Studie, die ebenfalls in der aktuellen Ausgabe von „PNAS“ erschienen ist, hat ein Team mit dem österreichischen Gerichtsmediziner Walther Parson von der Medizinischen Universität Innsbruck die mitochondrielle DNA von Ur-Aborigines-Überresten in Australien mit modernen Methoden neu sequenziert. 2001 hatten Forscher anhand dieser Funde behauptet, dass jene Individuen eine eigene Abstammungslinie haben, was den gemeinsamen Ursprung aller modernen Menschen in Afrika widerlege. Ihre Daten kommen aber von DNA-Verunreinigungen und sind somit nichtig, erklärten die Wissenschafter um David Lambert von der Griffith University in Nathan, Australien. Außerdem veröffentlichten sie das erste vollständige Mitochondrien-Genom eines Ur-Aborigine. (APA)