Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 27.08.2016


Bezirk Imst

Als Stamser gegen Römer kämpften

Archäologen der Universität Innsbruck legen am Stamser Glasbergl eine über 2000 Jahre alte rätische Siedlung frei. Sie dürfte dem Alpenfeldzug der Römer zum Opfer gefallen sein.

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© Baur, Obendorfer



Von Matthias Reichle

Stams – Mehrere zehntausend kampferprobte und gepanzerte Legionäre, bewaffnet mit Schild, Wurfspießen und dem berüchtigten Gladius, dem Kurzschwert der Römer, rückten vor 2000 Jahren über den Brenner vor. Die Vorfahren der heutigen Tiroler standen einer wahren Übermacht gegenüber, als der römische Kaiser Augustus den Alpenfeldzug startete. Seinen Legionen dürfte im Jahr 15 vor Christus auch das Vorgängerdörfchen des heutigen Stams zum Opfer gefallen sein.

Drei Wochen lang untersuchten Archäologen der Universität Innsbruck unter der Leitung von Gerhard Tomedi und Christoph Baur Reste eines Weilers am so genannten Glasbergl. 2004/2005 wurden dort erstmals Grabungen durchgeführt. Heuer nahm man bei einer Übung mit Studenten eines der Gebäude genauer unter die Lupe, berichtet Christoph Baur vom Institut für Archäologien. In den kommenden zwei Jahren will man das Wohnhaus, das noch unter eineinhalb Metern Erde begraben liegt, zur Gänze freilegen.

Überraschend war für die Wissenschafter die Größe des zweistöckigen Baus, der unten gemauert, oben aus Holz errichtet war. Der Grundriss misst immerhin sieben mal acht Meter. Im Inneren ist noch viel vom ehemaligen Dachstuhl erhalten – die Balken sind verkohlt. „Das Haus ist wohl bei einem Schadfeuer abgebrannt und dann nicht mehr aufgebaut worden“, so Baur.

Dank der Keramik können die Wissenschafter die Zeit sehr gut datieren – und die fällt mit dem Alpenfeldzug zusammen. Die Siedlung dürfte jedoch nicht den Kampfhandlungen zum Opfer gefallen, sondern niedergebrannt worden sein – entweder von den Rätern, dem in Tirol heimischen Volksstamm, als sie das Dorf verlassen mussten, oder von den Römern, glaubt Baur. Man weiß heute, dass Räter, die Widerstand geleistet haben, häufig vertrieben wurden.

Ganz wehrlos waren die „Einheimischen“ nämlich nicht. Schon bei den ersten Grabungen wurde ein Trophäenbaum entdeckt, auf dem Schilde aufgehängt wurden. Diese haben die Räter vermutlich bei vorherigen Kämpfen erbeutet. „Die Bewohner waren wehrhaft und haben das auch zur Schau gestellt.“ Spannend waren für die Archäologen Aufschlüsse über die Bautechnik der Räter. Die Siedlung wurde in Terrassen angelegt. Um sich vor der Feuchtigkeit im Hang zu schützen, errichtete man breite Drainagierungen – so wie es auch heute noch üblich ist.

Außerdem entdeckten die Ausgräber ein Gebäude, das noch sehr viel älter sein dürfte und bis in die Bronzezeit zurückdatiert. Man könne deshalb annehmen, dass dort fast 1000 Jahre lang jemand gelebt hat, so Baur. Dabei bargen die Archäologen der Universität mehrere Gewichte, die zu einem sehr großen Webstuhl gehört haben dürften. Die Untersuchungen werden im kommenden Jahr fortgesetzt.