Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 20.05.2017


Osttirol

Wegweiser auf der Spurensuche im Eis

Die schrumpfenden Gletscher geben nach und nach archäologisch relevante Relikte frei. Ein GIS-gestütztes Vorhersagemodell soll nun potenzielle Fundstellen ausmachen. Die Venedigergruppe steht im besonderen Fokus.

© Thomas BachnetzerDas Umbaltal mit seiner leichten Begehbarkeit und dem rapiden Gletscherrückgang bietet großes archäologisches Potenzial: Schafe vor dem Umbalkees.



Von Claudia Funder

Lienz – Die „Tiefkühlfächer“ in den Bergen werden kleiner, für das Eis der alpinen Gletscher gilt der Beiname „ewiges“ längst nicht mehr. Was viele mit Sorge beobachten, liefert dem vergleichsweise jungen Fach der Gletscher­archäologie spannenden Materialnachschub. Lange Zeit verborgene, im Eis bestens konservierte Artefakt­e apern aus. Auch in Osttirol wurden in Abschmelzbereichen des hochalpinen Eises wiederholt Funde von wissenschaftlicher Relevanz getätigt – die TT berichtete mehrfach darüber.

Mitarbeiter des Instituts für Archäologien in Innsbruck wie etwa Thomas Bachnetzer führen immer wieder Geländebegehunge­n durch, etwa am Hinteren Umbaltörl.

Fakt ist: Die Zeit läuft. Es gilt, die überraschend ans Tageslicht tretenden „Schätze“ zeitgerecht zu sichern. Vielen angetauten Substanzen, besonders organischem Material, droht sonst ein rascher Verfall – und damit ein unwiederbringlicher Verlust von Informationen und einem Stück Geschichte.

Da es unmöglich ist, die riesigen Gletscherflächen permanent im Visier zu haben, arbeitet das Institut für Archäologien in Innsbruck an einem Vorhersagemodell, das Abschmelzbereiche mit potenziellen Eisfundstellen im Voraus ausmachen soll. In das Projekt, das seit 2015 läuft, klinkte sich Stephanie E. Metz als wissenschaftliche Mitarbeiterin des Instituts im Jänner 2016 ein. Die Archäologin und Geoinformatikerin arbeitet an der LMU München und der Heidelberger Akademie der Wissenschaften. „Man muss schnell und effizient handeln“, betont Metz. „Geht die Entwicklung so weiter, werden bis zum Jahr 2100 rund 90 Prozent der Eisflächen verschwunden sein.“

Fundbergung im Abschmelzbereich des Umbalkees.
- Thomas Bachnetzer

Das Projekt sei auf drei Säulen ausgelegt: Feldarbeit, die so genannte Modellierung und die Öffentlichkeitsarbeit, um Bewusstsein zu schaffen.

„Das GIS-gestützte Modell soll als Basis für gezielte Begehungen dienen, um eine maximale Zeitersparnis im Gelände zu ermöglichen“, erklärt Metz, die aufgrund der Komplexität des Themas die enge Zusammenarbeit mit anderen Fachdisziplinen suchte. „Wir schauen uns die Topografie an, wie das Gelände beschaffen ist, wo Steigungen und Neigungen sind.“ Ins Visier genommen wird weiters, wo man gut oder weniger gut durch das Gelände kommt. Die Ober­flächenmodelle sollen zeigen, wo einst Routen verlaufen sind, auch abseits typischer Handelsrouten – für das einfache Volk oder für Schmuggler, die Zölle umgehen wollten. „Sie zeigen, wo es theoretisch möglich ist zu reisen“, konkretisiert es Metz. Viele Faktoren fließen in das Projekt ein. „Je mehr man hat, umso präziser ist das Modell.“ Man müsse sich auch gedanklich in die damalige Zeit versetzen und versuchen, sich vorzustellen: Was machte der Mensch damals, wo zog es ihn hin und warum? „Unter Einbeziehung historischer und rezenter Gletscherstände werden Aussagen über zukünftige Gletscher- und Eisflächenrückgänge getroffen, die in Korrelation mit bisherigen Fundaufkommen gesetzt werden“, betont die Archäologin. „Basierend auf den physischen Charakteristika des Terrains und weiteren Parametern können Regionen definiert werden, die besonders hohes Potenzial bieten bzw. besonders gefährdet sind.“

Im speziellen Fokus stehen die Venedigergruppe und das darin liegende Umbaltal, die laut Metz ein besonders hohes archäologisches Potenzial bieten. Seit der Kleinen Eiszeit schrumpften die Gletscherflächen hier um zwei Drittel, allein in den letzten Jahrzehnten um ca. 30 Prozent. Der Rückgang schreitet fort. „Von 2015 bis 2016 ist der Gletscher hier um zehn Meter zurückgegangen“, weiß Metz. Weitere Hauptbearbeitungsgebiete sind die Ötztaler Alpen und die Sonnblickgruppe.

Das Projekt brachte bereits erste Erkenntnisse, vieles gilt es aber noch fundiert abzusichern. Die Fortsetzung des Vorhabens bleibt spannend.