Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 07.08.2017


Osttirol

Relikte einer historischen Jagdmethode

In Osttirol sind sechs noch sichtbare Wolfsgruben bekannt, mit denen man vor Jahrhunderten dem gefürchteten „Schadwild“ das Handwerk legen wollte. Jene in Gaimberg wurde nun saniert und kann besichtigt werden.

Die einstige Falle wurde saniert und mit einer Gitterkuppel gesichert.

© KlaunzerDie einstige Falle wurde saniert und mit einer Gitterkuppel gesichert.



Von Claudia Funder

Gaimberg – Das Image des Wolfes ist kein gutes – und das ist schon lange der Fall. Heute löst seine zaghafte Rückkehr nach Österreich bei vielen Menschen Unbehagen aus, mitunter sogar Empörung. Aber schon lange vor seiner Ausrottung hierzulande Mitte des 19. Jahrhunderts wurde diese Tiergattung als zerstörerisches Element der Natur angesehen. Die Konkurrenz in der Nahrungsbeschaffung zwischen Mensch und Wolf wie auch die Bedrohung, die diese Tiere für die Herden und den Siedlungsraum darstellten, hätten zur Bezeichnung „Schadwild“ geführt und den Hauptgrund für die Verfolgung dargestellt, weiß Harald Stadler vom Institut für Archäologien der Universität Innsbruck, der von einer „nicht erklärbaren Urangst“ spricht. Märchen, Legenden und Schreckensgeschichten, die vom üblen Charakter des Wolfes berichten, werden nach wie vor verbreitet.

Wie man einst gegen das dämonisierte Tier vorzugehen versuchte, ist mancherorts in Osttirol bis heute erhalten. Es gibt sechs obertägig noch sichtbare Wolfsgruben. 1996 wurde nahe dem Perlogerhof in Oberlienz erstmals in Österreich ein gemauertes Exemplar archäologisch untersucht. Weitere dieser mit List gebauten Fallen befinden sich in Thal-Assling, Schlaiten, Nußdorf, Nikolsdorf und Gaimberg, erklärt Stadler und weiß über ihr Alter: „Sie entstanden zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert.“ Von weiteren Standorten in Osttirol berichtet die Literatur.

„Bei den Gruben handelte es sich um eine Gemeinschaftsleistung der Bevölkerung, die damals mit großem Aufwand erbracht wurde“, erzählt Stadler. Als köderndes Luder seien teils verendete Haustiere oder minderwertige Teile von Schlachttieren verwendet worden. Bedeckt waren die Gruben mit Ästen und sonstigem Leichtmaterial. Hohe Mauern sollten ein Entkommen des vom tiefen Loch „verschluckten“ Wolfes verhindern. Oft wurden die Fallen auch sekundär als Müllkippen verwendet, was Artefakte einschließlich Keramikfunden belegen. Noch 1742 verlangten die Gerichtspfleger in Osttirol, dass „die Wolfsgruben fleißig ausgeräumt werden sollen“.

Die Wolfsgrube in Gaimberg war bis zur Hälfte mit Steinen, Erde, Knochen und Ästen gefüllt.
Die Wolfsgrube in Gaimberg war bis zur Hälfte mit Steinen, Erde, Knochen und Ästen gefüllt.
- Klaunzer

Eine der noch sichtbaren Wolfsgruben befindet sich in Gaimberg, auf 1450 Metern Seehöhe im Kollnig-Wald. „Sie war immer schon bekannt“, erzählt der Gaimberger Konra­d Klaunzer, dem selbst diese seit Kindertagen vertraut ist. „Laut Überlieferung soll hier 1750 der letzte Wolf gefangen worden sein“, weiß Klaunzer zu berichten. Zwei Meter Durchmesser hat die Falle und 3,20 Meter ist sie tief. Klaunzer: „Sie ist gänzlich mit Naturstein gemauert.“

Für den Erhalt dieser Wolfsgrube hat sich nun der neu gegründete Verein „Die Bichl­böllerer“ starkgemacht. Obmann Konrad Klaunzer nahm mit Harald Stadler Kontakt auf und forderte wissenschaftliche Unterstützung an. In Absprache mit dem Experten ging es ans Werk. „Wir haben im Frühjahr mit dem Grundbesitzer gesprochen“, so Klaunzer zu den ersten Schritten. „Die Grube war zur Hälfte gefüllt mit Steinen, Erde, Tierknochen und Ästen. Nach der Ausräumung wurde ein stark beschädigte­r Mauertei­l saniert. Zum Schluss wurde eine geschmiedete Gitterkuppel über der Wolfsgrube montiert“, erzählt Klaunzer. Diese diene der Sicherheit. Das Land gewährte eine Förderung für die Maßnahmen, für den Rest kam der Verein selbst auf.

„Es ist wichtig, dass es diese Initiative gibt“, lobt Stadler die Bemühungen des Vereins um den Erhalt. „Es handelt sich bei dieser Wolfsgrube um ein schönes Denkmal historischer Jagd.“ Die in der Grube getätigten Funde werden nun im Innsbrucker Institut genauer untersucht werden.

Wer einen Blick auf und in das spannende Zeugnis aus der Zeit unserer Vorfahren werfen möchte: Die Wolfsgrube in Gaimberg kann ab sofort besichtigt werden.


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