Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 22.08.2018


Innsbruck-Land

Pestzeit in Telfs soll erforscht werden

Eine archäologische Untersuchung in Moritzen soll neue Erkenntnisse zur Epidemie von 1634 bringen.

© DietrichEine erste archäologische Voruntersuchung rund ums Moritzenkirchlein hat bereits stattgefunden. Im Hintergrund sind Obmann Hans Sterzinger (Heimatbund Hörtenberg) und Pestzeitspezialist Hans Gapp zu sehen.Foto: Dietrich



Telfs – Im Jahr 1634 traf Telfs die wohl größte Katastrophe seiner Geschichte: Eine Pestepidemie tötete innerhalb weniger Wochen etwa 200 der damals rund 1000 Einwohner. Viele Seuchenopfer wurden außerhalb des Ortes bei der Moritzenkirche begraben. Jetzt interessieren sich Archäologen für den Telfer Pestfriedhof. Im Herbst soll eine Ausgrabung stattfinden.

Über das „große Sterben“ in Telfs berichten die Quellen Dramatisches, es herrschte Weltuntergangsstimmung. So ist etwa zu erfahren, dass sich nacheinander vier Totengräber ansteckten und starben. Später weigerte sich sogar der Pfarrer aus Todesangst, den Sterbenden geistlichen Beistand zu leisten.

Der Telfer Volkskundler Hans Gapp hat zahlreiche Quellen über die Pestzeit gesammelt. Darunter ist auch eine Urkunde aus dem Telfer Pfarrarchiv, die bestätigt, dass der vorerst improvisiert angelegte Friedhof bei Moritzen im Jahr 1656 vom Brixener Bischof geweiht wurde.

Nun soll die Tragödie, an die in Telfs noch heute die jährliche Sebastiani-Prozession erinnert, archäologisch erforscht werden. Eine erste Erkundung rund ums Moritzenkirchlein, die die Ausgrabung vorbereiten soll und bei der auch Metallsuchgeräte zum Einsatz kamen, hat bereits stattgefunden. Im Herbst folgt eine Sondierungsgrabung des Archäologie-Instituts der Universität Innsbruck. Die Ausgrabung wird vom Heimatbund Hörtenberg mitfinanziert. Besonders spannend: Am Projekt sind nicht nur Archäologen, sondern auch Molekularbiologen und Mediziner beteiligt.

„Es ist durchaus möglich, dass wir noch den Krankheitserreger identifizieren können“, meint Projektleiter Harald Stadler. „Das ist besonders interessant, weil nicht klar ist, ob die Seuche, die damals in Tirol wütete, tatsächlich die klassische Pest war oder eine andere hochansteckende Krankheit, die vereinfachend als ,Pest‘ bezeichnet wurde.“ In Frage kämen etwa Fleckfieber oder Typhus.

Die Sondierungsgrabung ist für Oktober bereits fixiert. Wenn alles klappt, wird der Friedhof bei Moritzen aber auch Teil eines überregionalen Forschungsvorhabens sein. Geplant und bei den Förderungsstellen eingereicht ist ein groß angelegtes Interreg-Projekt zur Erforschung der Pestzeit von 1634/35 in Tirol, Südtirol und dem Trentino. Dann sollen in Telfs sowie in Brixen, Naturns und Trient weitere Ausgrabungen stattfinden. Damit hoffen die Forscher, ein überregionales Bild von der dunklen Epoche zu gewinnen, als das „große Sterben“ in Tirol wütete.

Über Spenden zur Unterstützung der Ausgrabung in Moritzen ist der Heimatbund dankbar. Die Nummer des Spendenkontos der Archäologie-Sektion lautet: AT91 3633 6000 0049 2223. (TT)