Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 06.09.2018


Exklusiv

20 Jahre Rechtschreibreform: Buchstabensalat kontra Regelwerk

Was bei der neuen Rechtschreibung 1998 an „W“andalismus grenzte, ist inzwischen wieder korrigiert. Doch die Reform der Reform hat Sicherheit gekostet, die Schreibung wurde beliebiger.

© iStockTausende Schulanfänger lernen seit gestern schreiben – trotz der Rechtschreibreform vor 20 Jahren keine einfache Sache.



Von Gabriele Starck

Innsbruck – Sie hat gespalten, namhafte Schriftsteller auf die Barrikaden getrieben, Zeitungsredaktionen verweigern und Erwachsene verzweifeln lassen, weil ihre Kinder so anders schreiben lernten als sie selbst. Und richtig durchgesetzt hat sich die Rechtschreibreform 20 Jahre später eigentlich auch noch nicht. Etliches wurde inzwischen zurückgenommen, in vielen Fällen sind Varianten möglich und in den meisten Redaktionen gibt es eine hauseigene Orthografie – oder eben Orthographie.

Dabei waren der Reform schon jahrzehntelange Überlegungen und Diskussionen vorausgegangen. Das Regelwerk, das im Jahr 1901 die Schreibung erstmals in allen deutschsprachigen Staaten vereinheitlicht und standardisiert hatte, sollte einfacher und nachvollziehbarer werden. Das Ergebnis dieses Ringens trat dann am 1. August 1998 endgültig in Kraft.

„Ich erinnere mich noch gut, dass ich damals enttäuscht war“, erzählt der ehemalige SPÖ-Bildungssprecher im Nationalrat, Erwin Niederwieser: „Keine Kleinschreibung, keine Vereinfachung, Varianten, deren Sinn sich mir nicht eröffnen wollte, und dergleichen mehr.“ Inzwischen ist Niederwieser seit fünf Jahren Mitglied im zwischenstaatlichen „Rat für deutsche Rechtschreibung“ und jetzt „verstehe ich, weshalb das so ist“, sagt er: Wenn sich alle Fachleute und alle Regierungen einigen müssten, seien grundsätzliche Änderungen nicht zu erwarten.

Dennoch hoffte man, dass die Reform eine spürbare Vereinfachung bringen würde. „Doch jetzt nach 20 Jahren muss ich sowohl aus persönlicher als auch aus wissenschaftlicher Erfahrung sagen, dass die Hoffnung nicht erfüllt wurde“, meint Johannes Odendahl vom Institut für Fachdidaktik an der Uni Innsbruck. Stattdessen sei die Verunsicherung quer durch die Bevölkerung groß, „vor allem bei jenen, die vor der Reform schreiben gelernt hatten“. So kämen zwar Schülerinnen und Schüler mit der neuen s-Schreibung gut zurecht – nach kurzem Vokal wird „ss“ geschrieben, nach einem langen Vokal oder Doppellaut wie „ei“ oder „au“ kommt ein „ß“. Spricht man das „s“ weich aus wie bei „lesen“, bleibt es beim einfachen „s“. Was logisch klinge, sei allerdings für Menschen, die vor über 20 Jahren schreiben lernten, nicht so einleuchtend.

Für Verwirrung sorgte auch die neue Regel, dass der Wortstamm die Schreibung vorgeben soll. Dass die alte „Gemse“ von Gams kommt und deshalb nun „Gämse“ geschrieben wird, dürfte für Tiroler ja nachvollziehbar sein, für einen Norddeutschen allerdings weniger. Und heißt es nun „aufwändig“ von „Aufwand“ oder „aufwendig“ aufgrund des Zeitworts „aufwenden“? Beides ist möglich.

Es gab aber auch Schreibvarianten, die sich einfach nicht durchgesetzt haben: der „Wandalismus“ etwa, das „s“ in „Ketschup“ oder die „Majonäse“. Sie wurden wieder gestrichen. Zugunsten einer besseren Lesbarkeit wurde auch das Komma vor erweiterten Infinitivgruppen 2006 wieder verpflichtend. Eine Tatsache, die allerdings vor allem jenen, die in den späten 90er-Jahren das Schreiben erlernten, kaum aufgefallen ist.

Heute, 20 Jahre später, sind die Emotionen – ausgenommen vielleicht bei Sprachpuristen – einer erstaunlichen Gleichgültigkeit gewichen. Wohl auch, weil viele ohnehin vieles so schreiben, wie es ihnen beliebt. Denn die Zeit zwischen der optionalen neuen Rechtschreibung 1996, der verpflichtenden 1998 und der reformierten Reform 2006 hat der Orthographie von einst die Einheitlichkeit genommen und die Verbindlichkeit geschwächt.

Auch wenn Hans Moser, emeritierter Germanistikprofessor und ehemaliger Rektor der Uni Innsbruck, die große Ablehnung der Reform durch Schriftsteller oder Verlage vor 20 Jahren als deren Versuch deutet, die Orthographie als elitäres Instrument zu erhalten: Den Verlust der Verbindlichkeit bedauert er schon ein wenig: „Ich bin noch mit der Überzeugung aufgewachsen, dass Kommunikation höflicher, friktionsfreier und leichter ist, wenn man einen gemeinsamen Code hat.“

Doch im privaten Bereich ist ein strenges Regelwerk für die meisten inzwischen ganz alte Schule. „Bei WhatsApp etwa gilt es als hochnäsig und unangemessen, Beistriche zu setzen“, erklärt Odendahl. Gerade in den sozialen Medien herrsche eine eigene Sprache mit eigenen Konventionen, die sich nicht mehr an der Rechtschreibung orientieren. Jene, die das als Niedergang der Kultur interpretieren, kann Odendahl beruhigen. „Schüler können differenzieren, ob sie whatsappen oder schulische Texte produzieren“, sagt der Fachdidaktiker und spricht von einer Art Mehrsprachigkeit.

Dass Untersuchungen den heutigen Schülern dennoch nachweisen, dass sie deutlich mehr Rechtschreibfehler machen als frühere Generationen, führen die Sprachexperten auf unterschiedliche Faktoren zurück. Für Niederwieser etwa war es ein großer Fehler, dass eine Zeit lang Erstklässler erst­ einmal so schreiben durften, wie sie wollten, auch wenn es falsch war. „So speichern die Kinder eine falsche Regel im Gehirn. Ein späteres Überschreiben ist nur noch schwer möglich.“ Deshalb sei dieser Zugang gescheitert und auch wieder verschwunden, sagt Odendahl.

20 Jahre nach der Aufregung über die Rechtschreibreform ist also Frieden eingekehrt. Doch für wie lange? Für November hat der Rechtschreib­rat Empfehlungen für eine geschlechtergerechte Schreibung angekündigt. Der nächste Aufschrei ist gewiss.