Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 14.11.2018


EU-Projekt “Storm“

Das Wasser ist der größte Feind

Die globale Erwärmung stellt für das europäische Kulturgut eine Bedrohung dar. Das EU-Projekt „Storm“ ermittelt das Ausmaß dieser Gefahr. Die ZAMG kümmert sich dabei um die Wetter- und Klimaänderung.

Die Bausubstanz und Beschaffenheit eines Kulturdenkmals muss genau analysiert werden, um mögliche Gefahren zu berechnen.<span class="TT11_Fotohinweis">Symbolfoto: iStock</span>

© iStockphotoDie Bausubstanz und Beschaffenheit eines Kulturdenkmals muss genau analysiert werden, um mögliche Gefahren zu berechnen.Symbolfoto: iStock



Von Evelin Stark

Wien – Seit Jahrhunderten trotzen Kulturgüter in Europa erfolgreich Bränden, Erdbeben und Plünderungen. Jetzt drohen den Denkmälern ernsthafte Schäden, gegen die sie bis jetzt nicht gerüstet sind – wegen des Klimawandels. Das derzeit laufende EU-weite Projekt „Storm“ ermittelt an fünf Standorten in Europa die durch die globale Erwärmung gegebene Gefahr und soll helfen, das Kulturerbe besser vor Naturgefahren zu schützen. Österreichs ZAMG (Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik) ist neben Institutionen aus sechs weiteren europäischen Ländern Teil von „Storm“.

„Der Klimawandel hat ganz klar Auswirkungen auf die verschiedensten Bereiche unseres Lebens – auch auf die Kulturdenkmäler“, sagt Rosmarie de Wit, Atmosphärenphysikerin der ZAMG und Leiterin der österreichischen Projektgruppe von „Storm“. Der Projektname steht für „Safeguarding Cultural Heritage through Technical and Organisational Resources Management“ und bedeutet, dass das Gefährdungspotential für verschiedene Kulturdenkmäler in Europa erhoben wird. Folglich können technische und organisatorische Schutzmaßnahmen ermittelt werden, die dabei helfen sollen, alle Kulturdenkmäler vor dem Zerfall zu bewahren.

An der ZAMG wird für die fünf Standorte, die sich in ganz Europa befinden, die Gefährdung durch Wetter und Klimaänderung berechnet. „Dabei geht es nicht nur um spektakuläre Wetterereignisse wie Stürme und extreme Regenmengen, sondern auch um eher unscheinbare Änderungen der Temperatur“, erklärt de Wit.

„Zum Beispiel haben wir für Mellor Mill, eine Baumwollspinnerei aus dem 18. Jahrhundert bei Manchester, die Frostgefährdung in den nächsten Jahrzehnten berechnet“, sagt sie. Ein großes Problem am Standort der Mellor Mill sei die Feuchtigkeit. Frost könne die Bausubstanz nämlich massiv schädigen, da sich das Wasser in den Gesteinsfugen und -ritzen beim Gefrieren ausdehne und dadurch ganze Gesteinsbrocken ausbrechen können. „Pendelt die Temperatur oft um null Grad, kommt es immer wieder zu Schäden. In Mellor Mill werden durch die fortschreitende Klima- erwärmung die Frostschäden abnehmen, was für die Verantwortlichen eine wichtige Information für die Planung von Schutz- und Sanierungsmaßnahmen ist“, erklärt die Expertin. Eine positive Nachricht für das englische Kulturdenkmal also.

Um zu den Prognosen für die klimatischen Veränderungen an den einzelnen Orten zu kommen, analysiert die Wissenschafterin mit ihrem Team Klimamodelle für unterschiedlichste Szenarien: „Dabei handelt es sich um eine mathematische Darstellung des ganzen Klimasystems. Wir verwenden unterschiedliche Konzentrationen der Treibhausgase für die Berechnung einer möglichen Entwicklung und kommen so zu einer Klimaprojektion, die verschiedene Szenarien voraussagt“, sagt die Holländerin. So könne man anhand von Erfahrungswerten und mit Blick auf die Entwicklung der Treibhausgaskonzentration der kommenden Jahre eine Voraussage machen.

Während die Prognosen für die Mellor Mill durchaus positiv für die Verantwortlichen ausfallen, ist die Lage in Gegenden, die nah an der Küste liegen, umso problematischer. „Der steigende Meeresspiegel ist ein großes Problem. Das Gebiet um die römischen Ruinen von Tróia in Portugal zum Beispiel wird inzwischen regelmäßig von den Gezeiten überflutet“, sagt de Wit. Früher sei dies nicht der Fall gewesen. Das Wasser des Meeres sei der größte Feind für die Ruinen.

Hier würde es bei „Storm“ hauptsächlich darum gehen, welche technischen Schutzmaßnahmen getroffen werden können, um die vorhandene Bausubstanz bestmöglich zu bewahren und den Erhalt zu gewährleisten. Informationen unter: www.storm-project.eu