Letztes Update am Mi, 02.01.2019 10:02

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


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Traum vom Weltraum: „Super, dass wir mitmischen können“

Julia Weratschnig, Physiklehrerin in Tirol, träumte früh davon, Astronautin zu werden. Seit einem Jahr ist sie stellvertretende Obfrau des Österreichischen Weltraumforums und will Menschen auf den Mars verhelfen.

Im vergangenen Jahr simulierte das Österreichische Weltraumfforum Marsspaziergänge in einer Wüste im Oman.

© APA/ÖWFIm vergangenen Jahr simulierte das Österreichische Weltraumfforum Marsspaziergänge in einer Wüste im Oman.



Um die Mondlandung 1969 mitzuerleben, sind Sie zu jung. Was hat die Faszination Weltall ausgelöst?

Julia Weratschnig: Schon als kleines Kind haben mich Naturwissenschaften fasziniert, genauso wie in der Nacht den Sternenhimmel zu betrachten. Eine meiner frühesten Erinnerungen ist, wie ich meinen Papa gefragt hab’, warum diese Dinger da oben leuchten.

Hat der Papa auf alles eine Antwort gehabt?

Weratschnig: Na, auch nicht. Was er gewusst hat, hat er mir erklärt, und beim Rest hat er gemeint, da musst du in der Schule brav mitarbeiten und es selbst rausfinden.

Können Sie sich noch an Ihren Kindheits-Berufswunsch erinnern?

Weratschnig: Der allererste Berufswunsch war Tierärztin. Aber ziemlich kurz danach hab’ ich mir eine Zeit lang eingebildet, ich will Astronautin werden. Nachdem das als Österreicherin nicht ganz so einfach ist, hab’ ich dann das Nächstbeste gemacht: Astrophysik studiert und mich vom Boden aus mit dem Ganzen auseinandergesetzt.

Werden wir nach Austromir 91, Österreichs einziger bemannter Weltraummission, weitere Österreicher im All erleben, vielleicht auch Sie?

Weratschnig: Da müsste ich jetzt raten. Österreich ist Mitglied der ESA, und da war vor ein paar Jahren ein Aufruf für neue Astronauten. Im Prinzip kann man sich da bewerben, aber das machen natürlich mehrere tausend. Der Traum ist sicher noch da, aber inzwischen bin ich nicht mehr so traurig, wenn ich nicht Astronautin werde.

Seit einem Jahr sind Sie stellvertretende Obfrau des Österreichischen Weltraumforums (ÖWF). Was machen Sie da?

Weratschnig: Wir vernetzen Menschen mit Weltraumerfahrung mit jenen mit Weltraumfaszination. Das fängt bei Workshops im Kindergarten an und geht bis zu Ausstellungen und Vorträgen. Wir betreiben selber auch Forschung.

Julia Weratschnig träumt von der Marslandung.
Julia Weratschnig träumt von der Marslandung.
- Rudy De Moor

Zuletzt gab es die Mars-Simulation im Oman. Was hat man dort gesucht?

Weratschnig: Die Idee ist: Wenn ich auf dem Mars bin, muss alles so glatt wie möglich laufen. Man kann dort oben nicht schnell noch einen Schraubenschlüssel holen. Es waren auch Experimente dabei, wie man ein altes Flusstal am Mars finden würde.

Im Herbst wurde der neue Raumanzug vom ÖWF vorgestellt. Wie groß ist die Hoffnung, dass er tatsächlich zum Einsatz kommt?

Weratschnig: Die Hoffnung ist natürlich da. Wir haben Kooperationen, etwa mit der europäischen Raumfahrtagentur ESA, oder bekommen Anfragen von der NASA, ob sie die Daten verwenden können. Da ist unsere Erfahrung weltweit anerkannt, weil es, wie beim Anzug, Nischen sind.

Österreich ist auf der Erde relativ klein. Wie viel können wir im All ausrichten?

Weratschnig: Wir sind nicht mit einer NASA vergleichbar, das ist klar. Aber ich finde es super, dass wir ein bisschen mitmischen können. Wir sind klein, aber wir wollen die Forschung professionell machen.

Sie sind beim Weltraumforum auch für die Mitglieder zuständig. Was muss jemand mitbringen, um bei Missionen mitzumachen?

Weratschnig: Vorraussetzung ist Interesse am Weltraum, Mitglied werden kann fast jeder. Wenn man aktiv bei einer Mission mitmachen will, dann muss man natürlich schauen, dass man von den Fähigkeiten her ins Team passt. Wer etwa Geologe ist, wird wahrscheinlich dem Team der Wissenschafter zugeteilt. Wir bieten aber auch Kurse und Vorträge an, um Leute auszubilden.

Was waren Ihre ersten Gedanken, als Sie Anfang Oktober vom Sojus-Startunfall gehört haben?

Weratschnig: „Oh Scheiße!“ Ich bin erschrocken. Man fiebert mit, schaut sich die Leute davor an, kennt die Namen, weiß, wer drinsitzt. Aber es ist für die Kosmonauten gut ausgegangen, die Sicherheitsvorrichtungen haben funktioniert. Das zeigt, dass es trotz des hohen Risikos sicher sein kann.

Sie sind Lehrerin, halten Sie es für realistisch, dass Sie gerade die erste Generation unterrichten, die zum Mars fliegen wird?

Weratschnig: Wir sagen seit ungefähr fünf Jahren, dass der Mensch, der zum Mars fliegt, entweder schon geboren ist oder jetzt bald auf die Welt kommt. Es ist nochmal ein viel größerer Schritt als zum Mond. Aber es ist realistisch, dass es in den nächsten 20, 30 Jahren so weit sein wird. Es wird immer mehr dafür getan. Elon Musk etwa hat sich den Mars als Ziel gesetzt. Es gibt viele, die sagen, wir wollen das jetzt. Vielleicht nicht ganz so viele wie beim Mond, aber ich hoffe, dass ich es noch miterlebe.

Was würden Sie sagen, wenn Ihr Sohn ins All fliegen will?

Weratschnig: Natürlich ist er von mir etwas vorbelastet. Aber er muss seinen Weg gehen. Wenn er sich dafür interessiert, wäre das natürlich cool. Im Moment will er aber Arzt werden.

Haben Sie den Hype um Alexander Gerst verfolgt?

Weratschnig: Ja. Da kann man über Facebook und Twitter inzwischen auch gut up to date bleiben. Sie könnten auch meine Schüler fragen, die immer mal wieder mit Videos von der ISS gequält werden.

Glauben Sie an außerirdisches Leben?

Weratschnig: Zum Leben gehören auch Bakterien oder Mikroben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das Universum so groß ist und die Erde der einzige Planet ist, wo es Leben gibt. Es gibt Hinweise, dass es auf dem Mars die Vorraussetzungen für Leben gegeben hat. Ich muss da immer Carl Sagan zitieren, der gesagt hat, alles andere wäre eine Riesen-Platzverschwendung. Allein von der Wahrscheinlichkeit her muss es irgendwo Leben geben. Ich glaube aber nicht, dass das so ausschaut wie in Filmen.

Welchen kleinen Schritt gehen Sie, der ein großer für die Menschheit wird?

Weratschnig: Ich seh’ die Mitarbeit beim ÖWF als meinen kleinen Schritt. Auch wenn es wirklich nur Babysteps sind, aber irgendjemand hat auch die Schiffe vom Kolumbus bauen müssen, irgendwer hat die Nägel dafür geschmiedet. Falls es wirklich in den nächsten Jahrzehnten Menschen gibt, die auf dem Mars herumlaufen, und wir sagen können, die Forschung, die wir gemacht haben, hat ein klein wenig dazu beigetragen, dass die Arbeit für die Astronauten da oben sicherer abläuft, dann ist das ein beachtlicher Schritt.

Zur Person

Julia Weratschnig (36), gebürtige Vorarlbergerin und Mutter eines Sohnes (6), ist seit Anfang 2018 stellvertretende Obfrau des Österreichischen Weltraumforums (ÖWF) in Innsbruck. Wenn sich die studierte Astrophysikerin mit Spezialgebiet Kosmologie nicht gerade mit dem Weltall beschäftigt, unterrichtet sie als Lehrerin in St. Johann.

Wie sieht Ihre nächste Mission aus?

Weratschnig: Das große Projekt ist der neue Raumanzug, wir gehen jetzt in die Produktion des Prototyps. Das Ziel ist, dass wir ihn 2020 bei einer Mission wieder testen. Wo und wann steht noch nicht fest.

Das Gespräch führte Philipp Schwartze