Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 14.01.2019


Reutte

Forschungsalltag in viel zu großen Mänteln

Reuttener Schüler forschen mit Uni-Team an der Gletscherschmelze. Bei der Laborarbeit zeigte sich der universitäre Alltag – eine ganz neue Welt.

Mit Schutzkleidung und Pipette ausgestattet, waren die Schüler auch schon mittendrin in der Laborarbeit.

© Marianne ReischMit Schutzkleidung und Pipette ausgestattet, waren die Schüler auch schon mittendrin in der Laborarbeit.



Reutte, Innsbruck – Seit über einem Jahr kooperiert eine Schülergruppe der Neuen Mittel- und Sportmittelschule Königsweg (NMSK) Reutte mit der Universität Innsbruck. Grund ist ein naturwissenschaftliches Forschungsprojekt aus dem Programm „Sparkling Science“ des Bundesministeriums für Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft. Dabei geht es um die Untersuchung des Rückgangs heimischer Gletscher, der durch Mikroorganismen und die damit einhergehende dunkle Pigmentierung auf dem Eis zusätzlich beschleunigt wird (die TT berichtete).

Nach der Probenentnahme am Jamtalferner im Sommer machten sich die Jungforscher aus dem Außerfern nun daran, die zwischenzeitlich eingefrorenen Proben im Labor zu untersuchen. „Es wurden ihnen recht schnell Verantwortungen wie bereits Studierenden übertragen“, erklärt die wissenschaftliche Leiterin des Projekts, Mikrobiologin, Gletscher- und Polarforscherin Birgit Sattler, und fügt mit einem Augenzwinkern hinzu: „Den meisten waren die Labormäntel zwar um einige Nummern zu groß, aber sie standen ihren älteren Kollegen in Geschicklichkeit und Geduld in nichts nach.“

Die Analysen umfassten eingehende mikroskopische Untersuchungen von Gletscherbachbewohnern und die Sichtbarmachung der Anpassungen an Strömung und Kälte. Danach wurden Bakterien aus dem Schnee betrachtet und ausgezählt. Und dabei gerieten die Teenager ins Staunen. Immerhin ist es schwer vorstellbar, dass sich in der winzigen Menge von einem Milliliter Schmelzwasser weit über zehntausend Zellen befinden. Im nächsten Labor wurde der Maßstab ein weiteres Mal nach unten gedreht: Am Elektronenmikroskop konnten die Kinder einzelne Zellen aus dem Gletschereis sehen – mehr noch: Sie konnten einen Blick in die Zelle werfen.

Der Blick ins Mikroskop brachte Erstaunliches.
Der Blick ins Mikroskop brachte Erstaunliches.
- Marianne Reisch

Die Außerferner Schüler erlernten auch die klassischen mikrobiologischen Methoden und versuchten, gemeinsam die Bakterien und Pilze aus dem Jamtalferner zu kultivieren. Sattler: „Wir sind schon sehr gespannt, was sie da heranzüchten.“

Die Projektleiterin ist begeistert, „mit welch großem Ernst, hohem Verantwortungsgefühl und enormer Wissbegierde die Schüler an ihre Arbeit herangehen“. Und auch Gerda Bubendorfer, die an der Schule bereits im Vorfeld das Fachwissen penibel aufbereitet, ist voll des Lobes für ihre Schützlinge. „Es ist faszinierend, welche Disziplin die 22 Schüler bei diesem Projekt an den Tag legen. Egal, ob am Gletscher, im Hörsaal oder im Labor. Sie sind alle mit solch einem Eifer dabei, dass ich nicht ein einziges Mal sagen muss ,Passt auf!‘ oder ,Seid leise!‘.“

Vom Engagement der Schüler ist auch NMSK-Direktor Hanspeter Wagner beeindruckt. Er begleitete diesmal Bubendorfer und das Jungforscherteam sogar auf die Uni. (TT, fasi)