Letztes Update am Fr, 08.03.2019 11:56

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Interview

Warum Männer und Frauen unterschiedliche Medizin brauchen

Die Kardiologin Univ.-Prof. Margarethe Hochleitner ist seit 1. Oktober 2018 Professorin für Medizin und Diversität. Sie wurde 2014 erste Professorin für Gender Medizin an der Medizinischen Universität Innsbruck. Sie ist Leiterin der Koordinationsstelle für Gleichstellung, Frauenförderung und Geschlechterforschung und Direktorin des Frauengesundheitszentrums.

Bis vor wenigen Jahren bekamen Frauen Medikamente, die ausschließlich an Männern klinisch getestet wurden.

© PantherMediaBis vor wenigen Jahren bekamen Frauen Medikamente, die ausschließlich an Männern klinisch getestet wurden.



Was hat sich der Gendermedizin in zehn Jahren getan?

Margarethe Hochleitner: In den letzten 10 Jahren hat sich die Zahl der Publikationen unglaublich gesteigert, das heißt es gibt jetzt zu sehr vielen Fragen der Medizin Gendermedizinische wissenschaftliche Erkenntnisse und das Fach als solches hat sich in den medizinischen Universitäten etabliert, sowohl in Forschung als auch in Lehre.

Der große Fortschritt ist, dass sich im Laufe der Zeit von Seiten der Patient*innen und auch der Medien ein gewisser Druck aufgebaut hat, diese Gender-Aspekte zu berücksichtigen. So fragen heute viel mehr Frauen nach, ob das jeweilige Medikament auch an Frauen getestet wurde. Und das hilft natürlich auch im klinischen Alltag. Zudem ist es auch viele Kliniker und Klinikerinnen inzwischen bewusst, dass es bei medizinischen Anwendungen bzw. Erkrankungen große Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt.

Das zweite ist, dass inzwischen so gut wie alle wissenschaftlichen Publikationen das auch akzeptieren und Artikel zum Thema Gendermedizin auch veröffentlichen. Das war lange Zeit sehr mühsam. Und dass vor allem die Geldgeber für Forschungsprojekte jetzt auch nachfragen, ob auch die Aspekte der Gendermedizin bei dem jeweiligen Forschungsprojekt berücksichtigt werden. Wir werden heute von der Forschungsförderung sehr unterstützt. Dazu kommt, dass uns das Wissenschaftsministerium schon von Anfang an sehr unterstützt hat und auch weiterhin unterstützt.

Wo waren die größten Hürden?

Hochleitner: Neue Ideen in ein etabliertes System zu integrieren ist immer mühsam, die Systeme zeigen üblicherweise ein hohes Beharrungsvermögen und Paradigmenwechsel brauchen ihre Zeit.

In den letzten zehn Jahren hat es natürlich sehr viel Forschungsergebnisse gegeben. Ein Punkt ist, dass die Grundlagenforschung sehr nachhinkte. Es war praktisch immer so, dass die Tierversuche – hauptsächlich mit Mäusen – fast ausschließlich mit männlichen Tieren gemacht wurden. Unterstützt hat uns aber, dass es hier nicht nur um reine Forschung geht sondern dass ja auch die Medikamentenforschung in der Grundlagenforschung beginnt. Denn wenn nur männliche Mäuse genommen werden, wird alles was nur bei Frauen wirkt nicht weiterverfolgt, also bleiben uns sehr viele Substanzen vorenthalten, die Frauen nützen würden, weil sie wegen Wirkungslosigkeit bei männlichen Tieren nicht weiter untersucht werden. Und wir sehen die großen Unterschiede, die es gibt schon von Anfang an nicht. Wenn man also eine ordentliche Medikamentenentwicklung machen will, ist es schon günstig, wenn man von Anfang an für Männer und Frauen arbeitet. Und hier sind wir inzwischen schon um einiges weiter.

Eine der Vorlesung ist über das Gehirn der Frau in der medizinischen Bildgebung. Wie ist das zu verstehen?

Univ.-Prof. Margarethe Hochleitner
Univ.-Prof. Margarethe Hochleitner
- Med-Uni Innsbruck

Hochleitner: Die Magnetresonanztomographie MRT hat uns sehr geholfen. Da gab es am Anfang diese schönen bunten Bilder die zeigten was passiert wo im Gehirn, zum Beispiel wenn ein Mann ein Bild mit einem Pinup-Girl sieht. Oder was tut sich im Hirn, wenn man ihm eine Wurstsemmel zeigt. Diese Bilder haben auch viele Magazine gern gezeigt. Nicht zuletzt deshalb bekamen wir auch für diesen Bereich Geld für die Forschung. Unsere Radiologie arbeitet sehr viel zu Gehirn-Unterschieden zwischen Männern und Frauen. Frau. Prof. Elke Ruth Gizewskii, Leiterin der der Neuroradiologie auf der Klinik, macht zu diesem Thema auch einen Vortrag im Zuge unserer Ringvorlesungen. Sie wird darüber berichten, was sie und ihr Team zu den Geschlechterunterschieden im Gehirn herausgefunden hat.

Was hat sie in ihrer Arbeit am meisten überrascht?

Hochleitner: Wie lange es gedauert hat bis auch uns Feministinnen die Notwendigkeit und Bedeutung klar wurde. Ich bin Kardiologin und war im Bereich Herzschrittmacher tätig. Und nebenbei habe ich mich mit der Genderthematik beschäftigt. Zu dieser Zeit habe ich oft die Kolleginnen aus den Geisteswissenschaften ein wenig beneidet, da sie dieses Thema mit ihrem Beruf verbinden konnten. In den neunziger Jahren ist dann langsam durchgedrungen, dass Medikamente fast nur bei Männern getestet wurden. Und damit bekamen die Frauen in Wahrheit nicht getestete Medikamente. Das ist uns allen nicht wirklich aufgefallen. Was mir allerdings mit der Zeit schon auffiel war, dass auf unserer kardiologischen Intensivstation fast nur männliche Patienten lagen. Dasselbe galt für die Schrittmacher-Ambulanz. Dabei sterben mehr Frauen in Österreich an der Folge von Herzerkrankungen. Das lässt sich aus den Zahlen seit 1945 belastbar nachweisen. Aber mehr Männer liegen auf der Intensivstation, mehr Männer bekommen eine Herzkathederuntersuchung, eine Bypass Operation oder eine neue Herzklappe und mehr Männer haben einen Schrittmacher. Aber das ist sehr lange Zeit einfach nicht aufgefallen.

Als wir dann begannen das zu untersuchen, sind wir von vielen männlichen Kollegen heftig angegriffen worden. Das haben Viele anscheinend sehr persönlich genommen und das hat mich schon verwundert.

Genderforschung ist heute universitär sehr breit aufgestellt. Ist es außerhalb ebenfalls angekommen?

Hochleitner: Zum einen muss man sagen, dass alle gesellschaftlichen, soziologischen Entwicklungen Schwankungen unterworfen sind. Und hier ist es sicher so, dass derzeit der Feminismus nicht wirklich eine Hochblüte erlebt. Als ich zu studieren begann war es so, dass uns Frauen offen gesagt wurde, dass wir unerwünscht sind. Darüberhinaus waren wir eindeutig eine Minderheit und es fehlte uns an Rollenmodellen. Es war klar, entweder wir wehren uns oder wir gehen unter. Heute haben wir an den Universitäten Quoten, wir haben Frauenförderung und es gibt Kinderbetreuung. Da kann sich ein junge Frau lange in der Hoffnung wiegen, dass das alles nicht mehr so schlimm ist. Man muss sich der traurigen Realität nicht so schnell stellen. Und wer will schon zugeben, dass er zu einer unerwünschten, verfolgten Gruppe gehört.

Generell sehe ich aus meiner täglichen Arbeit schon, dass es bei den Patientinnen eine große Gruppe Frauen gibt, die Fragen stellen, die auch eine zweite Meinung einholen, die wissen wollen ob die Behandlung auch speziell für Frauen entwickelt und getestet wurde . Also im klinischen Bereich hat das Bewusstsein sehr zugenommen.

Wie lässt sich hier ihre Vorgehensweise erklären?

Hochleitner: Die spannende Frage ist das Warum, nämlich warum Krankheiten in verschiedener Häufigkeit bei Frauen und Männern auftreten, auf verschiedene Behandlungen unterschiedlich ansprechen und verschiedene Heilungserfolge zeigen. Das heißt ein Geschlecht hat irgendeinen Mechanismus der hilfreich ist. Und wenn wir nun diesen herausfinden, dann kann man daraus auch Präventionsmaßnahmen wie eine Impfung oder eine spezielle Behandlung für das „benachteiligte“ Geschlecht ableiten.

Das hat sich gerade in der Onkologie sehr bewährt. Heute glaubt man zu wissen, warum bei Krebs die Männer benachteiligt sind. Es liegt am Immunsystem. Hier haben die Frauen auf Grund des Östrogens einen Vorteil. Ihr Immunsystem kann mit Krebs besser fertig werden. Also ist die Idee, wie kann man diesen Vorteil auch auf Männer übertragen. Darauf basiert die derzeitig moderne Immuntherapie.

Ein weiteres Beispiel ist die Kardiologie. Hier stellt sich inzwischen die Fragen ob bei der Verkalkung der Gefäße, die ja an sich beide Geschlechter betrifft, nicht von zwei verschiedenen Erkrankungen sprechen muss, weil wir zwischenzeitlich wissen, dass bei Frauen häufiger die kleinen Herzkranzgefäße betroffen sind, häufiger Spasmen auftreten, häufiger Plaques auftreten und dadurch Unterschiede in Diagnose und Therapie erforderlich sind.

Bei allen Fächern zeigt sich, dass es enorme geschlechtsspezifische Unterschiede gibt und wenn ich weiß welche und wie sie funktionieren, kann ich dem „benachteiligten“ Geschlecht helfen. Dies ist die Grundlage um das von der Bevölkerung erwünschte Ziel, nämlich die maßgeschneiderte medizinischen Angebote in Diagnose und Therapie für jede Einzelperson, anbieten zu können. Dies ist der Weg in die Diversitas in der Medizin, die bedeutet, dass alle Gruppen, nicht nur Frauen und Männer, das ist aber die größte Gruppe und damit auch am leichtetesten zu erforschen, sondern auch alle anderen Diversitas Gruppen wie Alter, chronische Erkrankung, Behinderung, religiöse und sexuelle Orientierung, Ethnie und Kultur entsprechend erforscht und berücksichtigt werden. Da ist natürlich noch viel Forschungsarbeit notwendig, die dann über die Einbindung ind die Lehre, in die Klinik und damit zu den Patientinnen und Patienten kommen kann. Dann erreichen wir das Ziel für jede einzelne Person das bestmögliche medizinische Angebot auf Basis von solider Forschungsarbeit anbieten zu können.

Und wie sieht es mit der Gleichberechtigung generell aus?

Hochleitner: Wir haben in vielen Bereichen sicher viel nicht erreicht. Dazu gehört zu aller erst gleicher Lohn für gleiche Arbeit. Auch bei der Teilung der Haushaltspflichten liegt vieles noch im Argen. Und es ist absolut kein Fortschritt bei Karrierechancen zu verzeichnen. Vielfach liegt das aber an einem mangelnden Selbstwertgefühl der Frauen. Ein wesentlicher Faktor ist, dass die Kinderbetreuung nicht ganztags und flächendeckend geregelt ist. Das ist aber die Grundlage für Arbeitsmöglichkeit und damit für Karrierechancen für Frauen und das wiederum ist die einzige Möglichkeit Frauenaltersarmut zu verhindern. Ich entnehme den Medien, dass Frauen mit Kindern 50 Prozent weniger Pension durchschnittlich erhalten als Männer. Das ist einfach inakzeptabel. An den Universitäten ist es etwas besser. Wir haben zumindest gleichen Lohn für gleiche Arbeit. Die Teilzeitproblematik und die Vereinbarkeitsproblematik bleibt aber auch hier. Die Universität bietet den Mitarbeiterinnen, die ein Kind bekommen haben eine Vielzahl an Wiedereinstiegshilfen. In vielen Fällen sagen die Frauen dann bei der Beratung, dass sie dabei ein Problem mit ihren privaten Umfeld haben. Und sie erzählen uns, dass sie sich nicht mehr zum Frisör oder zum Metzger trauen. Sie werden – und das wirklich heute noch so – als Rabenmutter tituliert. Die eigenen Mütter fallen ihnen oft in den Rücken. Als wir vor 25 Jahren mit der Gender-Arbeit begonnen haben, waren es vielfach die Ehemänner. Das ist heute nicht mehr so. Viele Männer zeigen die Bereitschaft sich mehr um die Kinder zu kümmern – nicht um den Haushalt und die Alten – aber immerhin um die Kinder. Und viele haben erkannt, dass es sicherer ist, auch für die Zukunft der Kinder, wenn beide Elternteile arbeiten.

Und es ist immer noch so, dass viele Frauen permanent ein schlechtes Gewissen haben, wenn sie wieder arbeiten gehen. Ein Mann hat das nicht. Im Gegenteil, er muss gelobt werden, dass er für die Familie arbeitet. Dazu kommt, dass im Fall von familiären Problemen überwiegend die Frauen die Generalverantwortung übernehmen.

Woran liegt das aus Ihrer Sicht

Hochleitner: Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist insofern sehr schwierig, da die beteiligten Personen meist eine komplett unterschiedliche Sicht darauf haben, was ihre Pflicht ist. Und darum nützen die Angebote um den Wiedereinstieg zu ermöglichen häufig wenig. Auf diesem Gebiet sind wir teilweise gescheitert. Dazu kommen die Teilzeitjobs. Und ich kann es nicht oft genug sagen, ein Teilzeitjob ist das Ende einer jeden Karriere. Und Teilzeit führt ganz sicher am Ende in die Altersarmut, falls nicht ein gesetzliches Pensionssplitting eingeführt wird. Trotzdem ist es unausrottbar, denn viel zu viele Frauen glauben immer noch, das ist ihre Rettung. Das mag in speziellen Situationen so sein, aber es kann nur für befristete Zeiträume empfohlen werden. Natürlich kann ich sagen ich arbeite als Chef halbtags, aber Chef werden werde ich mit Halbtagsarbeit nicht.

Warum machen Sie offene Vorlesungen?

Hochleitner: An sich ist es an der Uni eine alte Tradition, dass auch ein breiteres Publikum Vorlesungen besuchen kann. Unsere Idee war, dass wir die Gendermedizin- damals noch unter dem Titel Frauengesundheit ? auch einer breiten Öffentlichkeit vorstellen wollten. Dazu spielten auch viele praktische Fragen eine Rolle. Und grundsätzlich bin ich der Meinung, dass sich Universitäten viel mehr öffnen sollten.

Bei unseren Vorlesungen haben wir auch Schulklassen, die sich Vorträge zu Themen wie Sexualität anhören. Auch Selbsthilfegruppen kommen um sich zu informieren. So können wir unsere Themen vielmehr und breiter präsentieren. Es ist schlussendlich auch eine Ressourcen-Vermehrung. Unser Ringvorlesungen sind eine gemeinsame Einrichtung verschiedenster Kliniken, die alle dazu etwas beitragen. So ist unter anderem die ganze ?Interne? dabei. Das ist sehr spannend. So präsentiert die Gastroenterologie von Univ.-Prof. Herbert Tilg ihre neuesten Erkenntnisse. Dabei geht es um die Darmflora, wo man heute weiß, dass es hier sehr wohl auch Geschlechter-Unterschiede gibt und damit auch Auswirkungen auf Krankheiten.

Auch die Onkologie ist dabei. So hält Univ.-Prof. Dominik Wolf einen Vortrag über geschlechterspezifische Aspekte in der modernen Krebsmedizin. Denn eine Vielzahl von Daten inklusive neuester Therapieverfahren in der Krebsmedizin, wie zum Beispiel in der Immuntherapie zeigen teils drastische Unterschiede ihrer Wirksamkeit zwischen den Geschlechtern. Bei Krebs ist es eindeutig ein Nachteil ein Mann zu sein.

Das Interview führte Hugo Müllner

Weitere Informationen:

Gender Medizin ist eine medizinische Fachdisziplin, die medizinisches Wissen daraufhin prüft, ob es für Frauen und Männer gleichermaßen gültig ist. Bestehen Unterschiede zwischen den Geschlechtern — die sowohl die biologische als auch die soziokulturelle Ebene betreffen können -, bedarf es jeweils spezifische medizinische Angebote. Die relativ neue medizinische Fachdisziplin Gender Medizin entwickelte sich aus der Frauengesundheitsbewegung Ende des 20. Jahrhunderts. Beschäftigte sich diese mit medizinischen Fragestellungen, die nur Frauen, hauptsächlich Frauen bzw. Frauen anders betrafen, so wurde in den ersten Jahren der Gender Medizin schnell evident, dass viele wissenschaftlichen Daten, auf denen medizinische Angebote zu Prävention, Diagnose, Therapie und Rehabilitation von Krankheiten beruhen großteils nur für Männer vorlagen, d.h. dass es nur sehr wenige wissenschaftliche Daten darüber gab, ob Frauen und Männer von Krankheiten gleich, ähnlich oder unterschiedlich betroffen sind.

Grundlegende Geschlechtsunterschiede wie z. B. im Hormonhaushalt, im Fettstoffwechsel oder dem Immunsystem oder auch eine unterschiedliche Häufigkeit einzelner Krankheiten bei Frauen und Männern ließen vermuten, dass medizinisch relevante Unterschiede doch größer sein müssten als bis dahin angenommen.

Vor diesem Hintergrund entwickelte sich in den ersten Jahren des 21. Jhs. das neue medizinische Fach Gender Medizin. In den letzten Jahren wurde Gender Medizin neben dem Thema des Geschlechtsunterschiedes zwischen Frauen und Männern um die Kategorien Alter, religiöse und sexuelle Orientierung, Ethnie ergänzt.