Letztes Update am Do, 02.05.2019 19:41

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Holocaust

Archivfund gibt Aufschluss über Jerusalem-Besuch von hohem Nazi

Der spätere SS-Offizier und Vorgänger von Adolf Eichmann Leopold von Mildenstein besuchte laut eines neuen Archivfundes einen jüdischen Schriftsteller sowie eine Kulturveranstaltung in Jerusalem. Für Historiker Stefan Litt sei dies eine unglaubliche Geschichte.

Die Unterschrift von Leopold von Mildenstein im Gästebuch der israelischen Nationalbibliothek.

© AFPDie Unterschrift von Leopold von Mildenstein im Gästebuch der israelischen Nationalbibliothek.



Jerusalem – Ein Archivfund wirft ein neues Licht auf den Jerusalem-Besuch des ranghohen Nazis Leopold von Mildenstein im Jahr 1933. Die israelische Nationalbibliothek veröffentlichte anlässlich des Holocaust-Gedenktages am Donnerstag einen bisher unbekannten Gästebucheintrag, der die Teilnahme des späteren SS-Offiziers an einer privaten Veranstaltung zur jüdischen Kultur belegt.

Mildenstein, der zusammen mit einem befreundeten jüdischen Ehepaar das damalige britische Mandatsgebiet Palästina bereiste, sei bei einem zionistischen Schriftsteller zu Gast gewesen, sagte der Archivar Stefan Litt der Nachrichtenagentur AFP.

Die gemeinsame Reise Mildensteins und seines deutschen Freundes Kurt Tuchler ist bereits gut dokumentiert, etwa in dem 2011 erschienenen Film „Die Wohnung“. Mildensteins Besuch bei dem Schriftsteller Moshe Yaakov Ben-Gavriel war bisher aber unbekannt.

Historiker: „Geschichte niemals nur schwarz und weiß“

„Das war unglaublich“, sagte der Historiker Litt über den Fund des Gästebucheintrags. Er habe dann in Ben-Gavriels Tagebuch nach weiteren Hinweisen gesucht. Dieser habe zum Besuch des ranghohen Nazis notiert, er sei sich „nicht sicher, was ich davon halten soll“.

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Archivar Stefan Litt mit dem Tagebuch des jüdischen Schriftstellers Moshe Yaakov Ben-Gavriel.
Archivar Stefan Litt mit dem Tagebuch des jüdischen Schriftstellers Moshe Yaakov Ben-Gavriel.
- AFP

Einige Gäste hätten die Veranstaltung verlassen, andere hätten sich mit dem deutschen Gast unterhalten. Mildenstein habe „versucht, einige Worte Hebräisch zu sprechen und war bemüht, sich kultiviert zu verhalten“, schrieb Ben-Gavriel.

Mildensteins Besuch bei Ben-Gavriel und seine Freundschaft zu Tuchler seien „eine unglaubliche Geschichte, die zeigt, dass die Geschichte in Wirklichkeit niemals nur schwarz und weiß ist“, sagte Litt.

Mildenstein vertrat damals den Standpunkt, dass die deutschen Juden nach Palästina auswandern sollten. 1936 wurde er als Leiter der entsprechenden SS-Abteilung von Adolf Eichmann abgelöst, der später die Deportation der europäischen Juden in die NS-Vernichtungslager koordinierte und mitverantwortlich für die Ermordung von sechs Millionen Juden war.

Ab 1938 war Mildenstein Nahost-Referent im Propagandaministerium von Joseph Goebbels. Nach dem Zweiten Weltkrieg soll er Kontakte zu US-Geheimdienstkreisen gehabt haben. Er starb 1968. (APA/AFP)