Letztes Update am Mi, 24.07.2019 15:32

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


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Lebensgefahr von oben: So schützt man sich am besten vor Blitzen

Obwohl es heuer bisher so wenige Blitze wie noch nie in Österreich gab, ist jeder einzelne eine Gefahr für den Menschen. Wie man sich am besten vor der Hochspannung aus den Wolken schützen kann und was hinter dem Wetterphänomen steckt, lesen Sie hier.

Blitze über dem Inntal.

© zeitungsfoto.atBlitze über dem Inntal.



Wien - Auch wenn es bei den prognostizieren Unwettern am Wochenende gehörig donnern und blitzen dürfte, hat es 2019 mit 42.0000 Blitze so wenige wie noch nie seit Messbeginn des Österreichischen Blitzortungssystems ALDIS (Austrian Lightning Detection and Information System) im Jahr 1992 gegeben. Grund dafür waren vor allem der kühle Mai und das stabile Hochdruckwetter im Juni.

„Von Jänner bis jetzt registrierten wir in Österreich rund 42.000 Blitzeinschläge zum Boden. Das waren um rund 65 Prozent weniger als im Mittel. In einem durchschnittlichen Jahr registrieren wir von Jänner bis Ende Juli rund 120.000 Wolke-Erde-Blitze", sagte Gerhard Diendorfer, Leiter von ALDIS.

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Jede Art von Blitz ist lebensgefährlich

Für Menschen im Freien ist jede Art von Blitz lebensgefährlich. Zwar ist die Zahl der Verletzten und Toten durch Blitzschlag in Österreich in den vergangenen Jahren deutlich zurückgegangen, es passieren aber immer noch Unfälle. In den 1960er-Jahren starben pro Jahr noch 20 bis 40 Menschen in Österreich durch Blitzschlag. Mittlerweile sind es durchschnittlich zwei bis drei Blitztote pro Jahr.

„Zum einen sind die Wetterprognosen und die Informationen in der Bevölkerung deutlich besser. Zum anderen gab es die meisten Verletzten und Toten früher am freien Feld bei den in der Landwirtschaft beschäftigen Personen. Hier sind die Menschen heute meistens durch Traktoren und anderen Fahrzeugen mit Metalldach besser geschützt", sagte Diendorfer.

Wie schützt man sich am besten vor Blitzen?

Wetterlage beachten: „Gute Planung und rechtzeitiges Reagieren sind der beste Blitzschutz im Freien", riet der Experte. „Der beste Schutz ist immer noch, gar nicht in ein Gewitter zu kommen. Im Freien gibt es keinen absolut sicheren Standort. Beachten Sie vor ihren Wanderungen, Radtouren, Badeausflügen immer die Wettervorhersage und planen Sie Ihre Freizeitaktivitäten so, dass Sie im Falle eines Gewitters rechtzeitig eine sichere Unterkunft erreichen."

30/30-Regel befolgen: Die meisten Unfälle ereignen sich am Anfang und am Ende von Gewittern, „wenn man glaubt ?das geht schon noch' oder ?ist schon vorbei', weil es zum Beispiel noch nicht oder nicht mehr regnet". Eine grobe Faustregel ist die 30/30-Regel: Wenn zwischen Blitz und Donner weniger als 30 Sekunden liegen, ist das Gewitter nur noch zehn Kilometer entfernt und man sollte schnell Schutz suchen. Diesen sicheren Ort sollte man erst 30 Minuten nach dem letzten Blitz wieder verlassen.

Wo ist man am sichersten? Am sichersten ist man natürlich in einem Haus mit Blitzableiter. In einem Gebäude ohne Blitzschutz hält man sich in der Mitte des Raumes auf. Ist ein Auto in der Nähe, sollte man sich in dieses setzen. Ist der einzige Schutz in der Nähe ein Wald, sollte man in diesen hineingehen, denn am Waldrand ist die Gefahr von Blitzen und bei Gewitterböen umstürzenden Bäumen größer als im Inneren des Waldes.

Abstand zu Metallmasten: In der Nähe eines einzelnen Baumes oder einer Baumgruppe soll man sich ungefähr zehn Meter vom Baum entfernt auf den Boden hocken. Von Metallmasten sollte ein Abstand von rund drei Metern eingehalten werden. Befindet man sich auf einem großen Feld oder einer großen Wiese, hockt man sich am besten in eine Geländemulde und macht sich so klein wie möglich.

Raus aus dem Wasser! Gewässer gilt es sofort zu verlassen — selbst ein Einschlag in einiger Entfernung kann da gefährlich sein. Boote, besonders Segelboote, bilden oft den höchsten Punkt in der Umgebung und sind daher besonders blitzgefährdet. Die Gefährdung auf einem Boot hängt wesentlich von der Bauart und vom Material des Bootes (Holz, Kunststoff, Metall, etc.) ab und davon, ob der Mast einen Blitzschutz hat, im einfachsten Fall ein an den Mast angeklemmtes Kupferseil, das ins Wasser hängt.

Blitze: Alltäglich, aber immer noch rätselhaft

Obwohl das Phänomen Blitz alltäglich ist, ist es immer noch nicht restlos erforscht. "Man könnte überspitzt formuliert sagen: Je genauer wir messen und forschen, desto mehr werden die offenen Fragen", erklärte ALDIS-Leiter Diendorfer.

Ein Wolke-Erde-Blitz (ein sogenannter Flash) besteht aus mehreren messbaren - für das menschliche Auge kaum erkennbaren - Einzelentladungen. Die unterschiedlichen Blitzarten und Bezeichnungen führen gelegentlich zu Verwirrungen, was die Zahl der Blitze in Österreich betrifft. International wird aber die durchschnittliche Zahl der Wolke-Erde Blitzschläge pro Quadratkilometer und Jahr gezählt. "Das heißt, Wolken-Entladungen ohne Erdkontakt sind nicht zu berücksichtigen und mehrere Einzelentladungen bei einem Blitz sind zu einem Flash zusammenzufassen", sagte Diendorfer.

Bei den Wolke-Erde-Blitzen unterscheidet man zwischen Abwärts-und Aufwärtsblitzen sowie zwischen positiven und negativen Blitzen, je nach Entstehung und Richtung des Stromflusses. Die seltenen Aufwärtsblitze entstehen, wenn von einem hohen Objekt auf der Erde (z.B. ein Sendemast oder ein Windrad mit einer Höhe von über 100 Meter) die Entladung in der Gewitterluft ausgelöst wird. "Selbst bei schwach geladenen Wolken beobachten wie immer wieder Blitzeinschläge in Windräder und dies gehäuft in den eher kälteren Jahreszeiten. Diese Aufwärtsblitze sind oft mit hohen elektrischen Ladungen verbunden und können so massive Schäden verursachen."

Die Zahl der Blitze in Österreich schwankt von Jahr zu Jahr stark und liegt meist zwischen 100.000 und 200.000 Blitzeinschlägen in den Boden pro Jahr. Rechnet man zu den Einzelentladungen in den Wolke-Erde Blitzen auch die Wolke-Wolke-Entladungen dazu, gibt es in Österreich pro Jahr durchschnittlich zwischen 700.000 und 800.000 Entladungen.

Was genau passiert in der Wolke?

Blitze geben den Wissenschaftern teilweise immer noch Rätsel auf. "Zum Beispiel wird weltweit intensiv geforscht, was genau in den Bruchteilen einer Sekunde passiert, wenn ein Blitz in der Wolke ausgelöst wird und sich dann seinen Weg zur Erde sucht. Die bisher gemessenen Feldstärken in der Wolke sind meistens zu gering und können nicht der Grund sein. Eine mögliche Erklärung ist, dass Elektronen der kosmischen Strahlung im elektrischen Feld der Gewitterwolke plötzlich extrem schnell und somit extrem energiereich werden, und damit die Blitzentladung auslösen", erklärte Diendorfer.

Viele Mythen ranken sich auch um das Thema Kugelblitz. Laut einem technischen Memorandum der European Cooperation in Science and Technology, unterzeichnet von den 30 führenden Blitzforschern Europas, gilt der Kugelblitz immer noch als ungelöstes Phänomen. Eine Initiative von Universität Salzburg, Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) und ALDIS vergleicht derzeit Bilder und Berichte von möglichen Kugelblitzen mit den Messdaten des jeweiligen Tages.

Um die Fragen zum Thema Kugelblitz noch besser zu untersuchen, ersucht das Forscher-Team um Fotos und Berichte aus der Bevölkerung. "Ob neue oder ältere Fälle, ob schriftlicher Bericht, Foto oder Video - alle Meldungen sind für uns wertvoll", sagte Rainer Kaltenberger von der ZAMG. Informationen werden unter klima@zamg.ac.at gerne entgegen. (APA, TT.com)

Video: Wie Blitz und Donner entstehen