Letztes Update am Do, 01.08.2019 12:29

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


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Schnuller: 70 Jahre patentiert, tausende Jahre in aller Munde

Der Schnuller, wie wir ihn heute kennen, wurde im August 1949 patentiert. Schnuller aus früheren Zeiten erfüllen nach heutigem Verständnis den Tatbestand der Kindesmisshandlung.

An Schnullern in der heutigen Form nuckeln Babys und Kleinkinder seit 70 Jahren.

© PixabayAn Schnullern in der heutigen Form nuckeln Babys und Kleinkinder seit 70 Jahren.



Bern – Vor siebzig Jahren - im August 1949 – wurde der Schnuller, wie wir ihn heute kennen, in Deutschland patentiert. Die Sauger an sich sind aber tausende Jahre alt. Die Vorläufer waren mitunter aber recht abenteuerlich.

Zucker und Opium

Will man Albrecht Dürer glauben, hatte schon das Christuskind einen Schnuller: Auf dem Gemälde „Madonna mit dem Zeisig“ (1506) hält das Jesulein ein Lutschbeutelchen in der Hand, wie es vom Mittelalter bis ins 18. Jahrhundert in Mitteleuropa als Beruhigungssauger verbreitet war: ein zusammengebundenes Stück Stoff, gefüllt mit Zucker, süßem Brei, Honig, manchmal auch Mohnsamen und oft getränkt in Laudanum, einer alkoholhaltigen Opiumtinktur.

Auf Dürers Gemälde „Madonna mit dem Zeisig“ aus dem Jah 1506 hält das Jesuskind ein Lutschbeutelchen in der Hand.
Auf Dürers Gemälde „Madonna mit dem Zeisig“ aus dem Jah 1506 hält das Jesuskind ein Lutschbeutelchen in der Hand.
- Albrecht Dürer

Die Verabreichung solcher Schnuller erfüllt nach heutigem Verständnis den Tatbestand der Kindsmisshandlung: Nuckelläppchen waren Brutstätten für Keime, ihr süßer Inhalt zerstörte die Zähne, sobald sie da waren, und das Laudanum machte die Kinder nicht nur erschöpft, sondern auch drogenabhängig. „Die Zuller sind eine Pandorenbüchse, worin Stoff zu unzähligen Krankheiten enthalten ist“, warnte schon 1803 der Kinderheilkundler Friedrich Jahn.

Etwas hygienischer als das Nuckelläppchen waren seine Vorläufer: Die alten Ägypter sollen ihre Kleinen schon vor 4500 Jahren mit süß gefüllten tönernen Saugtöpfchen beruhigt haben. In der Antike gab man diesen „Schnullern“ das Aussehen von Tieren. In einer großen Öffnung am Hinterteil wurde der Brei eingefüllt, durch die Nasenlöcher des Tierchens saugte das Baby ihn heraus.

Siegeszug der „Wonnesauger“ Mitte des 19. Jahrhunderts

Die Geburtsstunde der Schnuller in der ungefähren heutigen Form schlug um die Mitte des 19. Jahrhunderts, als der sogenannte „Wonnesauger“ die Kinderzimmer eroberte: Er bestand aus schwarzem Kautschuk, war aber auch in gebleichtem Weiss erhältlich und enthielt dann giftiges Blei.

Diese harten Schnuller führten – wie das Daumenlutschen – zu Zahnfehlstellungen, beobachtete der Zahnmediziner Wilhelm Balters. Daher entwickelte er 1949 zusammen mit seinem Kollegen Adolf Müller den ersten „natürlichen und kiefergerechten Beruhigungssauger und Kieferformer“. Aus „natürlich und kiefergerecht“ wurde 1956 das marktreife Produkt NUK.

Balters und Müller hatten festgestellt, dass Kinder, die lange gestillt wurden, selten Zahnfehlstellungen aufwiesen. Daher entwickelten sie einen Schnuller, der genauso weich und formbar sein sollte wie die Mutterbrust. Aus einem Beruhigungsmittel wurde ein kieferorthopädisches Gerät. (APA/sda)