Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 23.08.2019


Wissen

Europas Wissen auch verkaufen

Europäische Forscher schaffen exzellentes Wissen, doch bei dessen Verwertung kann man mit den USA oder China nicht mithalten. Das soll sich ändern.

Dank der maßgeblichen Forschung von Innsbrucker Physikern gibt es Quantencomputer bereits. Doch das Know-how muss noch in marktreife Produkte umgesetzt werden. Ein erster Schritt dazu ist getan.

© APADank der maßgeblichen Forschung von Innsbrucker Physikern gibt es Quantencomputer bereits. Doch das Know-how muss noch in marktreife Produkte umgesetzt werden. Ein erster Schritt dazu ist getan.



Alpbach – Mit ihrem 9. Rahmenprogramm namens Horizon Europe will die EU nicht nur die Schaffung neuen Wissens unterstützen, sondern vermehrt auch die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit Europas gegenüber den USA und China stärken. Dazu jedoch muss exzellentes Wissen umgesetzt, sprich marktfähig gemacht werden. Und genau in diesem Punkt schwächelt Europa bislang massiv.

Um Unternehmen zu bahnbrechenden Innovationen zu motivieren, richtet die EU deshalb nach dem Vorbild des ERC für herausragende Grundlagenforschung den EIC – Europäischer Innovationsrat – ein. Bei ihm kann jede Firma einen Antrag stellen, der disruptive Projekte zum Ziel hat, also die bahnbrechend Neues und damit auch neue Märkte schaffen, erklärte EIC-Vizepräsident Hermann Hauser gestern in Alpbach.

Zehn Milliarden Euro sollen im EIC-Topf liegen, woraus dann Zuwendungen von bis zu maximal 2,5 Millionen Euro fließen werden, die nicht zurückgezahlt werden müssen. Darüber hinaus kann sich die EU künftig aber auch an dem Unternehmen beteiligen und bis zu 15 Millionen Euro in das Projekt investieren – in der Hoffnung, weitaus mehr durch die Kommerzialisierung wieder zurückzuholen, erläutert Hauser. Die EU steigt über die Europäische Investitionsbankengruppe (EIB) also erstmals in Konsortien ein und wird so Risikokapitalgeber. Damit hoffe man, weiteres Risikokapital über andere Investoren zu lukrieren, erklärt Wolfgang Burtscher, stv. Generaldirektor für Forschung und Innovation in der EU-Kommission.

Aber auch bei der Themensetzung will Horizon Europe künftig fünf große Missionen vorgeben: Klimawandelanpassung inklusive der sozialen Transformation, konkret was sich im Lebenswandel der Menschen verändern wird, Krebs, Bodengesundheit und Ernährung, gesunde Ozeane und Gewässer sowie klimaneutrale Städte. Das bedeute eine noch intensivere Vernetzung der Forschungsgruppen, die an einem bestimmten Thema arbeiten, sowie die gezielte Suche nach Wissenschaftern, die noch vorhandene Lücken ergänzen, führt Burtscher aus.

Heimischen Anträgen gibt Barbara Weitgruber vom Wissenschaftsministerium auf EU-Ebene übrigens gute Chancen. Immerhin nehme Österreich bei der Erfolgsquote, sprich bei den Antragsbewilligungen den zweiten Platz in der EU ein. Das führt die Geschäftsführerin der Forschungsförderungsgesellschaft FFG, Henrietta Egerth, auch auf die gute Vorbereitung zurück, vor allem aber auf die Erfahrung, die österreichische Antragsteller bereits mit regionalen und nationalen Förderungen wie etwa den Comet-Programmen gewinnen konnten. „Wir empfehlen schon auch einmal, nicht einzureichen, wenn man noch nicht so weit ist“, sagt Egerth.

Die Ziele sind gesteckt, jetzt fehlt Horizon Europe nur noch das Geld. Die Kommission schlug 100 Milliarden Euro für sieben Jahre vor, entschieden wird das allerdings erst, wenn sich die EU-Staaten auf den Finanzrahmen 2021–2027 geeinigt haben. (sta)




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