Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 01.09.2019


Wissen

Herr der 830 Mittagsgeläute in Tirol und Südtirol

Der pensionierte ORF-Mitarbeiter Friedrich Gundolf hat Tirol ein klingendes Geschenk gemacht und das Geläute fast aller Kirchen aufgenommen.

Die Glocken der Stadtpfarre Mariahilf in Innsbruck.

© Andreas Rottensteiner / TTDie Glocken der Stadtpfarre Mariahilf in Innsbruck.



Von Alexandra Plank

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Innsbruck — „Sie hören die Glocken der Pfarre St. Virgil in Südtirol", erklingt pünktlich am Donnerstag zu Mittag auf Radio Tirol. Dann folgt der satte Klang von Kirchenglocken, erweitert um Informationen über das Gotteshaus.

Die Friedensglocke in Mösern, die mit zehn Tonnen die größte Glocke Tirols ist. Friedrich Gundolf ( l.) hat sie aufgenommen, so wie fast alle Glocken in Nord-, Ost- und Südtirol.
Die Friedensglocke in Mösern, die mit zehn Tonnen die größte Glocke Tirols ist. Friedrich Gundolf ( l.) hat sie aufgenommen, so wie fast alle Glocken in Nord-, Ost- und Südtirol.
- Plank

Jahrzehntelang war Friedrich Gundolf (79) für die Aufzeichnung der Mittagsglocken verantwortlich. Es gibt rund 830 Aufnahmen aus Nord-, Ost- und seit 1997 auch aus Südtirol. Dieses umfangreiche Archiv sei durch eine „Schlamperei" entstanden, sagt der pensionierte ORF-Mitarbeiter. „Jedes Bundesland hat für bestimmte Wochen die Mittagsglocken geliefert. Einmal konnten wir die Aufnahmen nicht finden", erinnert sich Gundolf.

In der Folge wurde er zum „Herrn der Glocken". Die Erweiterung mit Südtirol habe sich ergeben, als der damalige Intendant Roland Adrowitzer „Südtirol heute" anbahnen wollte. „Ich hab' zu ihm gesagt, wenn wir das mit den Glocken machen, haben wir den Segen des Klerus." Es wurde so gemacht, „aber", so der Rentner lachend, „die Glocken werden wohl nicht den Ausschlag für ?Südtirol heute' gegeben haben". Unterstützt bei der Organisation der Aufzeichnungen hat ihn der heutige Tiroler ORF-Intendant Robert Unterweger. Als Gundolf das erste Mal für eine Aufnahme in Innsbruck ausrückte, ließ er die Straßen sperren. „Ich dachte, das ist notwendig, damit keine Nebengeräusche drauf sind." Mit der Zeit wurden er und sein Team — Norbert Hölzl, Sprecher Roland Staudinger und Christina Stolz — routinierter.

„Ich bin mit dem VW-Bus hingefahren, wir haben acht Aufnahmen pro Tag gemacht. Mit einem drei Meter langen Ausleger, den wir im Friedhof aufgestellt haben." Auch im Trentino habe er die ein oder andere Glocke aufgenommen. Wichtig war, dass die Bevölkerung informiert wurde, da extra geläutet werden musste. Im Trentino wurden die Menschen mit einem Plakat „Keine Angst" aufmerksam gemacht. „Es gab immer wieder Leute, die nicht mitbekommen haben, was los ist. Einmal fragte einer: ?Ist der Papst gestorben?'"

Gundolf zeigt das Plakat, das über die Aufnahmen informierte.
Gundolf zeigt das Plakat, das über die Aufnahmen informierte.
- Plank

Wäre Gundolf der ideale Kandidat für „Wetten, dass..?" gewesen? Einer, der jede Glocke am Klang erkennt. „Nein", lacht der 79-Jährige, das sei nicht möglich, obwohl jede Glocke eigen klinge. Hat er eine Lieblingsglocke? „Die im Dom. Das Geläut wurde erneuert und müsste neu aufgenommen werden. Ich wäre bereit, wollte den Bischof aber nicht behelligen." Gundolf kann über die Bedeutung von Glocken viel erzählen. „Früher war es so, dass das Brautpaar vor der Trauung gefragt wurde, ob es die Unschuld bewahrt habe, nur wenn das der Fall war, wurde die große Glocke geläute­t. A bissl peinlich war das schon", sagt Gundolf und lacht, nicht glockenhell, eher tief und brummig.

Glocken

Länge. Das Läuten der Mittagsglocken ist auf allen Regionalradios des ORF eine liebgewonnene Tradition. Es dauert eine Minute.

Ranking. Eine der größten Glocken der Welt wurde in Moskau gegossen. Sie wiegt fast 200 Tonnen. Allerdings konnte sie nicht aus der Erde geholt werden. Die Japaner wollen eine Glocke gießen, die doppelt so schwer ist.

Anzahl. Beim Mittagsgeläut werden nach strenger Dramaturgie alle Glocken geläutet. Generell ist es so, dass es in Nordtirol meist vier Glocken pro Turm gibt, in Ost- und Südtirol fünf. Je bedeutender ein Ort war, umso mehr Glocken gab es.