Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 25.09.2019


Zeitzeugengespräche

Herlinde Molling: „Habe immer risikoreich gelebt“

Mit Kurt Welser transportierte Herlinde Molling in den 1960er-Jahren Sprengstoff und Gewehre nach Südtirol. Das Heroische liegt der 84-Jährigen nicht, es geht ihr um Gerechtigkeit.

Ein Höhepunkt der siebenten Zeitzeugen-Reihe: Bernhard Aichner (l.) blickte mit Herlinde Molling (r.) auf die Südtiroler Bombenjahre zurück.

© Thomas Boehm / TTEin Höhepunkt der siebenten Zeitzeugen-Reihe: Bernhard Aichner (l.) blickte mit Herlinde Molling (r.) auf die Südtiroler Bombenjahre zurück.



Innsbruck – Wenn Herlinde Molling (84) einen Punkt macht, dann sitzt er. So auch beim Abschluss der siebenten Staffel der Zeitzeugengespräche von Land Tirol, Tiroler Tageszeitung und ORF Tirol. Und mit mehr als 400 Besuchern im Haus der Musik war es Montagabend ein abschließender Höhepunkt. 100 Jahre nach der Zerreißung Tirols erzählte die Restauratorin und Kunsthistorikerin im Gespräch mit Bernhard Aichner über ihr Engagement für Gerechtigkeit. Denn trotz des Pariser Vertrags 1946 und der internationalen Verankerung der Südtirol-Frage mit dem Schutz der kulturellen Eigenart der deutschsprachigen Bevölkerung verfolgte Italien weiterhin die Strategie, Südtirol zu italianisieren.

Molling bezeichnet sich als Attentäterin bzw. Aktivistin, denn Menschenleben sollten bei den Sprengstoffanschlägen in Südtirol verschont werden. Persönlich kann sie mit dem Begriff Freiheitskampf nicht viel anfangen, „weil es um Gerechtigkeit für die deutschsprachige Minderheit in Italien ging“. Erst Jahrzehnte nach den Bombenanschlägen auf die Strommasten und -leitungen im Juni 1961 rückte Molling Schritt für Schritt in die Öffentlichkeit. In Astrid Koflers Buch „Zersprengtes Leben. Frauen in den Südtiroler Bombenjahren“ wurde 2003 erstmals ihre führende Rolle als Frau im Kreis des Innsbrucker „Consiliums“ oder Freiheitslegion für Südtirol, dem Pendant zum „Befreiungsausschuss für Südtirol“ südlich des Brenners, bekannt.

Die stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Moser Holding, Silvia Lieb, ORF-Landesdirektor Robert Unterweger und LR Patrizia Zoller kündigten eine Fortsetzung an.
Die stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Moser Holding, Silvia Lieb, ORF-Landesdirektor Robert Unterweger und LR Patrizia Zoller kündigten eine Fortsetzung an.
- Thomas Boehm / TT

Molling veröffentlichte dann 2011 selbst Dokumente über die Planung der Feuernacht. Die Unterlagen und Protokolle der Sitzungen wurden ihr 1964 in einem Koffer übergeben, damals verstaute sie ihn in einem Kasten. Den Inhalt hat Molling ebenfalls erst viele Jahre danach gesichtet. Das Bild von einer jungen Frau, die neben dem operativen Hirn der Südtirol-Aktivisten, Kurt Welser, in einem VW Karmann sitzt und Sprengstoff und Gewehre nach Südtirol schmuggelt, ist heute gleichsam so etwas wie ein Symbol für die Auflehnung gegen den massiven Einfluss Roms in Südtirol.

Hinter dem scheinbar harmlosen Ausflugs- bzw. Urlaubsszenario steckten jedoch Sprengstofflieferungen, „weil die Sprengmittel in Südtirol nicht viel wert waren“. Und ein Spannungsbogen, der von Aktionismus mit Parolen Ende der 1950er-Jahre bis hin zu den Anschlägen auf 37 Strommasten in der Herz-Jesu-Nacht 1961 reicht. Molling rückt deshalb das Bild immer wieder zurecht, auch das vom Risiko. „Ich habe zwar als Restauratorin immer risikoreich gelebt. Ein Tritt daneben auf dem Baugerüst und es ist aus. Mit dem nachträglichen Wissen um die Folterungen unserer Mitstreiter in Südtirol hätten wir uns jedoch etwas anderes einfallen lassen müssen.“

Nach der Feuernacht und der folgenden Verhaftungswelle traten Molling und ihr Ehemann Klaudius leiser. Kurt Welser verunglückte 1965 beim Bergsteigen in der Schweiz tödlich, 1967 zeichnete sich mit dem Paket, das 1969 von der Landesversammlung der Südtiroler Volkspartei mit knapper Mehrheit angenommen wurde, eine Lösung ab. „Und der damalige Tiroler Landeshauptmann Eduard Wall­nöfer hatte uns signalisiert, ,Jiatz megs es nacher lassen.‘“, erzählt Molling.

Mit der heutigen Südtirol-Autonomie ist Molling zufrieden, „weil sie das Wesentliche von dem gebracht hat und zum Teil sogar viel mehr“, was damals realistisch erwartet werden durfte. Entlang dieser Einschätzung bewertet sie auch den Beitrag der Südtirol-Attentäter. Offiziell von der Politik verurteilt, u. a. von Silvius Magnago, nimmt sie gerade den legendären Südtiroler Landeshauptmann als Kronzeugen. „Selbst Magnago hatte Mitte der 1990er-Jahre erklärt, dass man ohne uns nicht so weit gekommen wäre.“

Der Blick zurück mit bekannten Zeitzeugen geht jedenfalls 2020 weiter, das heurige Buch erscheint vor Weihnachten. (pn)