Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 18.10.2019


Bezirk Imst

Der Klimawandel sprudelt verzögert aus den Quellen

Geoforum: 74 Prozent der 40 untersuchten Trinkwasserquellen weisen einen Temperaturanstieg binnen der letzten 20 Jahre auf.

Der Geowissenschafter Martin Kralik berichtete beim Geoforum Umhausen über die Veränderungen von Temperatur, Leitfähigkeit und Sauerstoffgehalt von 40 hochalpinen Quellen durch den Klimawandel.

© PaschingerDer Geowissenschafter Martin Kralik berichtete beim Geoforum Umhausen über die Veränderungen von Temperatur, Leitfähigkeit und Sauerstoffgehalt von 40 hochalpinen Quellen durch den Klimawandel.



Von Alexander Paschinger

Umhausen – Bereits beim Auftaktreferat zum 21. Geoforum im Umhausner Ortsteil Niederthai über den Kemater Tiefbrunnen spitzten die Teilnehmer ihre Ohren. Beim zweiten Referat ließ der Wiener Geowissenschafter Martin Kralik aufhorchen. Er berichtete über seine und Erika Papps Arbeit über die Einflüsse des Klimawandels auf alpine Quellwässer in Österreich. Denn die sind offensichtlich – wenn auch verzögert – vorhanden: Während die Durchschnittstemperatur der Luft in den vergangenen 20 Jahren um 0,59 Grad angestiegen ist, wurden drei Viertel der 40 untersuchten Quellen im selben Zeitraum um 0,34 Grad wärmer. Dieser Vortrag war gleich zu Beginn ein Highlight der Tagung unter Geoforum-Präsident Gunther Heißel, dem ehemaligen Leiter der Tiroler Landesgeologie.

Kralik und Papp werteten für ihre Untersuchungen 240.000 Online-Daten und 11.500 hydrochemische Analysen von 1993 bis 2013 aus. Dabei interessierten die Forscher die Daten von hochalpinen Quellen vor allem deshalb, weil diese unberührt sind. Mancherorts zeige sich nämlich, dass in Ortschaften die Grundwassertemperatur um zwei, drei Grad zugenommen hat – wegen Versiegelungen, aber auch durch beheizte „Garagen und Keller“, also durch den direkten Eingriff des Menschen.

Warum die Quell- im Vergleich zur Lufttemperatur nur um die Hälfte gestiegen ist, erklärt Kralik mit der lang- bis zigjährigen Verweildauer des Wassers im Boden. Denn Oberflächengewässer weisen sehr wohl einen höheren Anstieg auf. Gleichzeitig stellten die Forscher aber auch fest, dass die elektrische Leitfähigkeit des Wassers bei der Hälfte der Quellen um 5,6 Prozent zugenommen hat. Im Gegenzug sank bei zwei Dritteln der gelöste Sauerstoffgehalt um neun Prozent. „Der Klimawandel dürfte zu einer erhöhten Aktivität der Bakterien führen“, interpretierte Kralik beim Geoforum. Diese Bakterien würden für mehr gelöste Stoffe (Leitfähigkeit) sorgen, würden aber auch mehr Sauerstoff verbrauchen. Welche Auswirkungen diese Veränderungen auf die Qualität der Quellwässer haben, wird allerdings noch diskutiert.

Kurz vor der Umsetzung steht man jedoch beim Projekt der beiden Grundwasserbrunnen in Kematen, wie Bürgermeister Rudolf Häusler im TT-Gespräch erklärt. Die Gemeinde sei auf diese neuen Wasserquellen angewiesen, „wenn wir nicht einen Baustopp im Ort riskieren wollen“. Zweimal je 50 Sekundenliter Wasser sollen ab kommendem Jahr aus einer Tiefe von 95 bis 115 Metern geholt werden. Kematen hat eine turbulente Geschichte der Wasserversorgung in den vergangenen 100 Jahren hinter sich. Das Tiefbrunnenprojekt, durch das bestes Trinkwasser mit einer Verweildauer zwischen 50 und 100 Jahren gefördert wird, „kostet weit mehr als zwei Millionen Euro“, so Häusler.

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