Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 03.11.2019


Forschung

Mit Künstlicher Intelligenz gegen Hitze und Klimaschäden

Klimawandel und Wetterextreme bedrohen Alpenstädte und Bergregionen in besonderer Weise. Wiener Forscher liefern neuartige Daten für die Stadtplanung der Zukunft.

Wetterextreme kommen auch in Tirol immer häufiger vor.

© iStockphotoWetterextreme kommen auch in Tirol immer häufiger vor.



Von Nina Werlberger

Wien, Innsbruck – Hitze in den wachsenden Städten, Starkregen, Hangrutsche und Lawinen: Die Wetterextreme haben in den vergangenen Jahren auch in Tirol zugenommen. Die Infrastruktur der Orte stellt das vor enorme Herausforderungen. Wiener Forscher tüfteln nun in einem neuartigen Labor mit Künstlicher Intelligenz an Lösungen für diese Probleme. Sie erforschen auch die besondere Situation von Orten in den Alpen – auch in Tirol.

Was müssen und was können Bürgermeister und Stadtplaner tun, um sich für den Klimawandel zu rüsten? „Zuallererst: Der Handlungsdruck ist groß“, sagt Nikolas Neubert. Er leitet das Kompetenzzentrum „Digital Resilient Cities“ am Austrian Institute of Technology, kurz AIT. Dort wurde kürzlich das erste „City Intelligence Lab“ in Österreich ins Leben gerufen.

In diesem Zentrum dreht sich alles um digitale Technologien für die Stadtplanung. Dafür verwenden die Forscher Big Data und Künstliche Intelligenz, um etwa Hitze­inseln in Städten vorherzusagen und Maßnahmen dagegen zu entwickeln. „Die Daten sagen uns, wo wir agieren müssen. Hitze ist ein Thema, aber es gibt auch eine Vielzahl anderer, darunter Starkniederschläge“, betont Neubert im Gespräch mit der TT.

Mit ihren Daten können die Wiener Forscher um Nikolas Neubert Schwachpunkte und kritische Stellen in der Infrastruktur identifizieren – und zwar bevor es zu Überflutungen, Vermurungen oder Ähnlichem kommt.

Mit diesem neuen Wissen könnten Städte dann erstmals prophylaktisch daran arbeiten, dass zum Beispiel Bushaltestellen weiter funktionieren und die Leute weiterhin einkaufen gehen können, wenn es stark regnet. Oder daran, dass sie trotz großer Sommerhitze weiterhin auf einen Markt gehen können. Statt wie bisher auf Wetterextreme nur zu reagieren, könnten die Städteplaner nun daran arbeiten, Probleme durch Hitze, Regen, Muren und Co. im Vorfeld zu verhindern, erklärt Neubert.

Wie sieht die Gefahrenlage in Tirol aus? Städte in den Alpen seien von all diesen Themen betroffen, allerdings seien die Lagen sehr viel komplexer. „Hangrutschungen sind hier ein Thema“, betont Neubert. Bei seiner Arbeit geht es daher seit Jahren auch um die spezielle Wettersituation in den Bergregionen – und um die Handlungsoptionen, die sich daraus ableiten.

Aber nicht nur Lawinen, Muren und Hitze haben die Forscher hier in den Fokus gestellt. Auch Kulturdenkmäler sind vom Klimawandel bedroht. Für ein internationales Projekt namens „Cheers“ erarbeitet das AIT ein Konzept mit Unterstützung digitaler Technologien für die Hofburg in Innsbruck und das Schloss Ambras aus.

Dabei geht es darum, das alpine Kulturerbe vor Naturkatastrophen und den Auswirkungen von Klima- und Naturgefahren besser zu schützen. In Wien erarbeiten die Forscher mit ihrem neuen „City Intelligence Lab“ Szenarios für Notfallplanungen und Bergungsarbeiten im Rahmen von Überflutungen, Starkregen oder Sturmereignissen.

Wie macht man nun die heimischen Städte und Gemeinden zukunftsfit? Wichtig ist es aus Sicht von Forscher Nikolas Neubert, die Bürger bei allen Planungen stets miteinzubeziehen. Das sei für die Umsetzung und die Akzeptanz der Stadtplanung von enormer Bedeutung. Dabei könne „Augmented reality“ genützt werden, um den Bewohnern eines Stadtviertels vor Augen zu führen, wie sich das lokale Klima bereits verändern kann, wenn nur ein Baum gepflanzt oder ein Gebäude begrünt wird. Vor allem bei neuen Bauprojekten oder wenn Gebäude aufgestockt werden, können Live-Analysen den Bewohnern zeigen, was machbar ist. In mehreren Wiener Bezirken wird das bereits angewandt.

Am AIT Center for Energy forschen rund 200 Mitarbeiter unter der Leitung von Wolfgang Hribernik an Lösungen für die nachhaltige Energieversorgung der Zukunft. 2018 wurden insgesamt 370 Projekte am Center durchgeführt.