Letztes Update am Do, 07.11.2019 09:36

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Medizin

Weltpremiere: Ärzte entfernten Aneurysma mit Roboterarm über Leiste

Kanadische Ärzte haben ein Aneurysma entfernt, ohne dafür direkt am Gehirn der Patientin zu operieren. Über die Leiste wurde ein Katheter eingeführt, der von einem Roboterarm gesteuert wurde.

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Toronto — Ärzte haben in Toronto sozusagen Medizingeschichte geschrieben: Im Western Hospital wurde eine Gefäßerweiterung — ein sogenanntes Aneurysma — aus dem Gehirn einer Patientin entfernt, ohne direkt am Schädel operieren zu müssen. Der neurovaskuläre Eingriff erfolgte mithilfe eines Roboterarmes, der einen Katheter durch das Gehirn steuerte. Eingeführt wurde der Katheter über die Leiste der Patientin.

Zukunftsforscher Ulrich Reinhardt von der BAT-Stiftung ist davon überzeugt, dass Nicht-invasive Eingriffe durch Robotik die Zukunft sind. „Dabei muss aber auch die moralisch-ethische Frage gestellt werden. Es wird kaum etwas unmöglich sein, deshalb müssen wir uns überlegen, inwieweit wir in das Leben eingreifen und es verlängern wollen", so Reinhardt im Gespräch mit pressetext.com.

So funktioniert die OP-Methode:

Bei der OP haben die Ärzte einen kleinen Einschnitt im Leistenbereich der Patientin vorgenommen. Durch diesen bewegte sich der Roboterarm mit dem Katheter ferngesteuert bis zum Gehirn. Dort angekommen, setzte der Roboterarm ein Netz aus metallischen Spiralen ein, um das Aneurysma vom Rest des Gehirns zu isolieren. Dank der Unterstützung von Echtzeit-Röntgenaufnahmen konnten die Ärzte extrem präzise vorgehen.

„Das ist an sich der gleiche Eingriff wie jener, den man normalerweise durchführt", erklärt Claudius Thomé, Direktor der Innsbrucker Universitätsklinik für Neurochirurgie. Der Katheter müsse in die Aorta und weiter in die Halsschlagader vorgeschoben werden. Der neue Eingriff werde an sich nicht durch einen Roboter, sondern durch einen sogenannten Telemanipulator durchgeführt.

„Der Arzt macht immer noch die Arbeit, er steuert den Katheter in diesem Fall aber nicht mit der Hand, sondern mit einem Joystick", so Thomé. Der Vorteil sei, dass sich der Katheter so kontinuierlich weiterbewegt, weil er präzise steuerbar ist. Laut dem Neurochirurgen wäre für diese Systeme ein haptisches Verständnis wichtig, da sonst die Sorge bestehe, dass sie ein Gefäß durchstoßen könnten.

Maschinen für abgelegene Spitäler

Der Roboterarm kann nicht nur bei Aneurysmen eingesetzt werden, sondern auch bei ischämischen Schlaganfällen, die auch die Blutzufuhr zum Gehirn blockieren. Da der Eingriff nicht-invasiv ist und keine Öffnung des Schädels erfordert, soll die Genesung des Patienten deutlich schneller als bei gewöhnlichen Prozeduren möglich sein. Den Ärzten zufolge kann es sogar möglich sein, die Patienten noch am Tag der OP wieder nach Hause zu schicken.

„Ich kann nicht glauben, wie viel Glück ich habe. Ich bin der lebende Beweis, dass solche Eingriffe mit Robotik möglich sind", so die Patientin gegenüber dem Toronto Western Hospital. Die Ärzte wollen den Roboterarm in Zukunft vor allem in abgelegenen Krankenhäusern in Kanada installieren, die keine Experten für solche Eingriffe haben und die zu weit entfernt von anderen medizinischen Einrichtungen liegen. (TT.com/reh)