Letztes Update am Sa, 09.11.2013 11:00

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Wissen

Verleugnet und vergessen

Im Ötztal gab es mehr Schwabenkinder als bisher vermutet. Im Gedächtnisspeicher wurde an das Schicksal der Kinder, die in die Fremde geschickt wurden, erinnert.



Von Thomas Ploder

Längenfeld – Arme Familien, die ihre Kinder zum Arbeiten in die Fremde schickten, weil sie sie selber kaum ernähren konnten. In vielen Regionen Tirols gab es die so genannten Schwabenkinder. Seit 2007 wird im Bauernhaus-Museum Wolfegg, an der Grenze zwischen Schwaben und dem Allgäu, im Rahmen eines EU- geförderten grenzüberschreitenden Interreg-Projektes ihre Geschichte aufgearbeitet.

Die Veranstaltungsreihe „Begegnung im Gedächtnisspeicher“ stand zuletzt ganz im Zeichen dieses Themas.

Wenn auch immer wieder die Meinung vertreten wird, im Ötztal habe es wegen des Reichtums durch den Flachsanbau keine Schwabenkinder gegeben, so ist das nicht richtig. Auch hier zwang die Armut immer wieder Familien dazu, ihre Kinder zur Arbeit in die Fremde zu schicken. Unter den zwischenzeitlich eindeutig verifizierten rund 8000 Datensätzen einzelner Schwabenkinder finden sich beispielsweise Chriszenzia und der etwa zwei Jahre ältere Friedrich Parth aus Sautens, wahrscheinlich Geschwister, die 1902 und 1903 in Friedrichshafen in den Registern als Hüterkinder verzeichnet sind.

So erzählte auch Franz-Josef Hausegger aus Winklern von einer Reise nach Schwaben, bei der er mit seinem Vater Höfe besuchte, auf denen dieser mit seinen beiden Brüdern ebenfalls um die Wende zum 20. Jahrhundert gearbeitet hat. Wie Hans Haid, der Obmann des Museumsvereins, vermutet, müssen im damals rund 2000 Einwohner zählenden Längenfeld weit mehr Schwabenkinder existiert haben als bisher angenommen, wenn unter ihnen bereits aus dem kleinen Weiler Winklern drei Brüder namentlich bekannt sind. Weitere Zeitzeugen berichteten von Erzählungen ihrer Verwandten, die ebenfalls als Schwabenkinder das Tal verließen, allerdings kaum Einzelheiten über ihre Erlebnisse berichten wollten. Weil die Kinder aber generell in Gruppen unterwegs waren, darf davon ausgegangen werden, dass es im Ötztal mehr Schwabenkinder gegeben haben dürfte, als bisher allgemein angenommen.

Obwohl die Chronisten aus Sölden und Sautens im Rahmen der Veranstaltung berichteten, kaum Hinweise auf Schwabenkinder in den Chroniken gefunden zu haben, müssen die Schwabenkinder vor allem im späten 19. Jahrhundert in der Tiroler Gesellschaft Wertigkeit und Aufmerksamkeit genossen haben. So präsentierte Ingeborg Schmid-Mummert, die Leiterin des Gedächtnisspeichers, aus eigenen Beständen eine Anlage zum Antragsformular zur Aufnahme in den 1891 gegründeten Verein der Hüterkinder. Beitreten konnte nur, wer mindestens das elfte Lebensjahr vollendet hatte.

Die Nachweise über die Anzahl aller Kinder in Tirol und darüberhinaus, die so der Armut entflohen, schwanken enorm. Aus dem beginnenden 19. Jahrhundert belegen Aufzeichnungen bis zu 4000 Schwabenkinder jährlich, einige Jahrzehnte später waren es lediglich 300 Kinder, berichteten Projektleiterin Christine Brugger und Museumsleiter Stefan Zimmermann aus Wolfegg. Mit dem Ersten Weltkrieg versiegte der Strom der Schwabenkinder fast gänzlich.

Bis dahin machten sich acht- bis vierzehnjährige Kinder, in Ausnahmefällen sogar einzelne Sechsjährige, unter der Führung eines Erwachsenen, meist eines Lehrers, Pfarrers oder Veteranen der napoleonischen Kriege, in Gruppen unter enormen physischen Strapazen meist nach Ravensburg auf. Dort bewarben sie sich am 19. März, zu Josephi, am Kindermarkt um eine Stelle auf einem der regionstypischen mächtigen Bauernhöfe. Zu Martini, am 11. November, wurden sie mit Kleidung, Schuhwerk und Geld entlohnt und traten ebenfalls in der Gruppe den Rückweg an.

Im Zuge einer verstärkten Zusammenarbeit zwischen den Chronisten des Tales und des Bezirks, dem Ötztaler Gedächtnisspeicher und dem Projektteam aus Schwaben will man zukünftig die Schwerpunkte der Recherchen aufeinander abstimmen und den Informationsaustausch deutlich verstärken. Dadurch soll das Thema der Schwabenkinder als historische Gegebenheit von falschen Darstellungen, aber auch Tabus, befreit und stärker ins öffentliche Bewusstsein gerückt werden.




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