Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 08.12.2015


Flüchtlingskrise

Gegen Massenhaltung von Menschen

Jede zweite Familie, die in Jordanien Zuflucht gefunden habe, sei ganz oder teilweise auf ihre Kinder angewiesen, um sich ein Einkommen zu sichern.

© X02365Jede zweite Familie, die in Jordanien Zuflucht gefunden habe, sei ganz oder teilweise auf ihre Kinder angewiesen, um sich ein Einkommen zu sichern.



Lech – 2100 Kalorien, 18 Liter Wasser zum Waschen, Kochen und Trinken und 4,5 Quadratmeter im Zelt oder Container pro Person. Das habe man den Flüchtlingen zu Beginn im Lager Zaatari in Jordanien noch zur Verfügung stellen können, erzählt Kilian Kleinschmidt, einst Leiter des zweitgrößten Flüchtlingslagers der Welt, beim Europäischen Mediengipfel am Wochenende in Lech. Dennoch hätten die Menschen schon bald begonnen zu revoltieren. „Sie sahen all das als unmenschlich an. Und wir begriffen nicht, dass sie Menschen sind. Menschen, die gegen ihre Massenhaltung rebellierten.“ Erst als sie begannen, die Toiletten, Duschen und Kücheneinrichtungen zu stehlen und deren Nutzung zu verkaufen, sei wieder Ruhe eingekehrt.

„Die Menschen haben ihr Recht auf Individualität auf diesem Weg durchgesetzt“, sagte Kleinschmidt, der inzwischen Regierungen – auch die österreichische – berät. „Wir müssen aufhören, Menschen in Massenhaltung davon abzuhalten, für sich selbst zu sorgen. Es geht auch um die Menschenwürde“, appellierte der deutsche Entwicklungshelfer an den Westen.

Kleinschmidt kann schon deshalb die Aufregung über die Flucht der Menschen aus den Lagern nach Europa nicht verstehen. „Wir haben schon lange gesagt: Spendet mehr, tut mehr! Doch keiner hat uns zugehört.“ Jetzt sei es vielleicht schon zu spät. „Die Menschen in den armen Ländern wissen inzwischen, wie es bei uns ausschaut. Und jetzt kommen sie auch.“

Selbst der Betreiber von drei gut gehenden Friseursalons in Zaatari denke schon daran, nach Europa zu fliehen. Einfach, weil die Bedingungen vor Ort immer schlechter würden. Es gebe keine Schule und keine Arbeitsgenehmigungen außerhalb der Lager. Die Menschen dürften sich nicht frei bewegen.

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„Die Kinderarbeit nimmt zu, die Mädchen werden jetzt wieder mit 12, 13 Jahren verheiratet, die Burschen zieht es in die verschiedenen Milizen“, zeichnet Kleinschmidt ein düsteres Bild. Deshalb sei es notwendig, neue Wege der Zusammenarbeit zu entwickeln und das auf Augenhöhe, sagte er in Lech und wünschte sich einen Gipfel der Migration, so wie es auch einen Klimagipfel gibt.