Letztes Update am Di, 26.04.2016 06:45

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Interview

Hashim Thaci: „Es gibt keine Alternative zum Dialog“

Der neue Staatspräsident des Kosovo, Hashim Thaci, über die Be­zie­hungen zu Serbien.

© APA/AFP/ARMEND NIMANIHashim Thaci
(Kosovo-Präsident): „Ich glaube, dass wir Versöhnung mit Serbien erreichen können – eher früher als später.“



Pristina – Hashim Thaci hat den Kosovo in die Unabhängigkeit von Serbien geführt – als Guerillachef und später als Premier. Seit Anfang April amtiert er als Staatspräsident des jüngsten europäischen Landes, das nach wie vor mit wirtschaftlichen und politischen Problemen kämpft.

Im Kosovo gibt es Widerstand gegen die Aussöhnung mit Serbien. Bleibt ihr Land gespalten und unruhig?

Hashim Thaci: Das Abkommen mit Serbien über die Normalisierung der Beziehungen ist das erste nach einem Jahrhundert des Konflikts. Es gibt keine Alternative zum Dialog und zur Versöhnung. Im Kosovo und in Serbien wurden jene Regierungschefs wiedergewählt, die den Dialog geführt haben. Das ist ein Hinweis darauf, dass die Bevölkerungen dies unterstützen.

Der Kosovo ist arm. Woran ist der mit der Unabhängigkeit versprochene Aufschwung gescheitert?

Thaci: Der Kosovo hat Jahrzehnte der Diskriminierung und Unterdrückung erlitten. Nach dem Krieg mussten wir in jeder Hinsicht mit dem Wiederaufbau beginnen. Acht Jahre nach der Unabhängigkeitserklärung haben wir ein Assoziationsabkommen mit der EU unterzeichnet. Der Kosovo wird von 111 Staaten anerkannt. Man kann nicht leugnen, dass sich der Kosovo rasch fortbewegt. Wir haben viel erreicht und sind uns bewusst, dass noch viel mehr getan werden muss.

Laut Medienberichten müssen Sie mit einer Anklage als Kriegsverbrecher rechnen. Kann das Ihre Präsidentschaft überschatten?

Thaci: Ich habe den Prozess angeführt, ein Sondergericht zu etablieren. Ich weiß, dass der Kampf für die Freiheit gerecht war. Die Mitglieder der Beifreiungsarmee des Kosovo haben keine Gesetze verletzt – außer jene des (Belgrader Machthabers) Slobodan Milosevic. Das Sondergericht ist eine Gelegenheit, der Welt diese Wahrheit zu erklären.

Möchten Sie als Präsident auch Serbien besuchen?

Thaci: Ich unterstütze den Dialog mit Serbien. Der Prozess sollte dynamischer gestaltet werden – was ein Rahmenabkommen für Versöhnung betrifft wie auch die Implementierung dessen, was bisher vereinbart worden ist. Ich war in der Vergangenheit bereit, Serbien zu besuchen, und das bleibe ich. Wir sind jetzt zwei Staaten, die eine normale Kommunikation etabliert haben, und ich glaube, dass wir Versöhnung erreichen können – eher früher als später.

Das Interview führte Floo Weißmann