Letztes Update am Di, 23.08.2016 15:37

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Nach Kurden-Demo

Ankara wirft Wien Untätigkeit im Umgang mit Terrorgruppen vor

Die Türkei ruft ihren Botschafter in Österreich zurück und sorgt damit für eine neue Eskalationsstufe im Zwist mit Österreich. Aktueller Auslöser war die Kurdendemonstration vom vergangenen Samstag in Wien.

Die türkische Reaktion auf eine Kurdendemo vom vergangenen Wochenende in Wien sorgt für eine weitere Eskalation der Beziehungen zwischen den beiden Ländern. (Archivbild)

© APA/PicturedeskDie türkische Reaktion auf eine Kurdendemo vom vergangenen Wochenende in Wien sorgt für eine weitere Eskalation der Beziehungen zwischen den beiden Ländern. (Archivbild)



Ankara, Wien – Nach den diplomatischen Protestmaßnahmen der Türkei gegen Österreich will die Bundesregierung weiter den Dialog suchen. „Wir stehen für die Aufrechterhaltung der Gespräche auf allen Ebenen“, sagte Außenamts-Sprecher Thomas Schnöll am Dienstag. Zugleich bestätigte er, dass letztendlich die Demonstration kurdischer Gruppen am vorigen Samstag in Wien den Ausschlag für den Protest gaben.

Die Türkei hat ihren Botschafter in Österreich, Hasan Gögüs, zu Konsultationen nach Ankara zurückgerufen, um „über die Beziehungen zu Österreich zu beraten“, wie der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu am Montagabend laut der türkischen Nachrichtenagentur Anadolu erklärte. Zugleich wurde der österreichische Geschäftsträger in Ankara - anstelle des auf Urlaub befindlichen Botschafters Klaus Wölfer - ins türkische Außenministerium zitiert. Damit nahm die Türkei in einem Schritt gleich zwei der drei Stufen des diplomatischen Protests.

Laut Schnöll fand das Gespräch mit dem Geschäftsträger Georg Oberreiter „auf hoher Beamtenebene“ statt. Rein praktisch habe Botschafter Gögüs zudem Österreich nicht verlassen, denn auch er sei derzeit auf Urlaub in seinem Heimatland, so der Sprecher. Wie lange er nicht nach Wien zurückkehren wird, war zunächst offen. Die Länge der Abwesenheit hat politische Signalwirkung und drückt die Stärke des Protests aus.

Außenamts-Sprecher weist Vorwürfe entschieden zurück

Erst im Vorjahr war der türkische Botschafter in Wien zu Konsultationen in die Heimat zurückbeordert worden. Damals protestierte die Regierung in Ankara gegen die Erklärung des Österreichischen Nationalrats zum Völkermord an den Armeniern im Osmanischen Reich zur Zeit des Ersten Weltkriegs, den die Türkei entgegen der Meinung der meisten Historiker nicht als solchen anerkennt.

Der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu.
Der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu.
- APA/AFP/ADEM ALTAN

Nun steht im Zusammenhang mit der Kurdendemo der Vorwurf der Türkei im Raum, Österreich sei im Umgang mit terroristischen Vereinigungen untätig, was Schnöll entschieden zurückwies. Die Türkei bezieht sich auf die seit 2009 auch in der EU auf der Terrorliste stehende PKK. Die Kundgebung am Samstag in Wien fand unter dem Motto „Demonstration gegen Menschenrechtsverletzungen in der Türkei und die Isolation von Abdullah Öcalan“ statt. Der inhaftierte Öcalan war Vorsitzender der PKK.

Beziehungen seit Kern-Äußerungen angespannt

Seit dem gescheiterten Putsch in der Türkei Mitte Juli und sind die Beziehungen zwischen der Türkei und Österreich angespannt. Die Türkei warf Österreich „radikalen Rassismus“ vor, nachdem sich Bundeskanzler Christian Kern (SPÖ) für einen Abbruch der EU-Beitrittsgespräche mit der Türkei ausgesprochen hatte. Die Reaktion des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan auf den Putschversuch hat in der EU neue Besorgnis über Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Medienfreiheit in der Türkei ausgelöst.

Bereits am Samstag vor einer Woche war der österreichische Geschäftsträger in Ankara ins türkische Außenministerium zitiert worden. Anlass war eine Meldung der Kronen Zeitung in Form eines elektronischen News-Tickers mit der Schlagzeile „Türkei erlaubt Sex mit Kindern unter 15 Jahren“ am Flughafen Wien-Schwechat am Flughafen Wien-Schwechat. Die offensichtliche Grundlage der von der Türkei heftig kritisierten Schlagzeile war, dass der türkische Verfassungsgerichtshof eine Bestimmung aufhob, die sexuelle Handlungen an Kindern unter 15 Jahren als sexuellen Missbrauch unter Strafe stellte. Ein Bezirksgericht hatte die Höchstrichter mit der Begründung angerufen, die geltenden Gesetze machten keinen Unterschied zwischen den unterschiedlichen Altersgruppen. Kinderrechtsexperten protestieren gegen die Entscheidung.

EU-Kommission mischt sich nicht ein

Die EU-Kommission wollte sich nicht zu den diplomatischen Zwistigkeiten zwischen Wien und Ankara äußern. „Wir haben keinen Kommentar. Das ist eine bilaterale Angelegenheit“, sagte ein Sprecher am Dienstag auf entsprechende Fragen in Brüssel. (TT.com, APA)