Letztes Update am Mi, 09.05.2018 10:26

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Exklusiv

Spitzenkandidat stellt Parteilogo in den Schatten

Während das Vertrauen in Parteien sinkt, steigt das in Personen. Direktwahlen sind in Österreich dennoch Mangelware.

© APA, HammerleDie Person als Marke: Emmanuel Macron (l.) gründete eine Bewegung und reüssierte, 
Sebastian Kurz führte die nachhinkende Partei zum Wahlsieg und Georg Willi setzte sich trotz schwächelnder Partei als Bürgermeister durch. Montage: TT



Von Anita Heubacher

Innsbruck – Die Liste lässt sich lange fortsetzen: Charismatischer Spitzenkandidat reißt die nachhinkende Partei über die Ziellinie. Oder noch extremer: Abtrünniger gründet eine neue Bewegung und fügt der Mutterpartei erheblichen Schaden zu. In Frankreich war es Emmanuel Macron, der mit En Marche seine Ex-Partei, die Sozialisten, nahezu vernichtete. In Österreich hat es Peter Pilz mit den Grünen bei der Nationalratswahl ähnlich gemacht. Die Ökopartei flog aus dem Parlament.

„Die Distanz der Wähler zu den Parteien wird immer größer“, erklärt Politologe Peter Filzmaier. Wähler würden Parteien immer weniger vertrauen. Das ist schlecht für den Markenwert der Partei. „Damit gehen nicht nur die Wähler, sondern auch die Spitzenkandidaten selbst auf Distanz zur Partei.“ So geschehen am letzten Sonntag in Innsbruck. Trotz schwächelnder Partei ist Georg Willi Innsbrucker Bürgermeister geworden. Letztes Jahr führte Sebastian Kurz die in Umfragen auf Platz drei liegende ÖVP mit türkisem Anstrich bei den Nationalratswahlen zum Sieg. Das Phänomen ist nicht neu“, sagt Politikberater Thomas Hofer. In Niederösterreich habe Erwin Pröll bereits vor Jahren auf gelb-blau, die Farben des Bundeslandes, und nicht auf schwarz, jene der Partei, gesetzt. Auf Plakaten würden Parteilogos oft gar nicht mehr aufscheinen. „Spitzenkandidaten brechen im Wahlkampf schon mal Dogmen der Partei“, sagt Hofer. „Ich erinnere an Georg Willi, der meinte, Wohnen brenne den Menschen mehr unter den Nägeln als das Binnen-I“, sagt Hofer.

Beide Politikexperten sind sich einig: Die Wichtigkeit der Personenmarke hat in den letzten Jahren zugenommen. Das liege sehr stark an der Vermarktung, Gesichter ließen sich leichter vermarkten als Inhalte, meint Hofer. Die Wähler seien viel beweglicher geworden. „Der Anteil der Stammwähler ist von zwei Dritteln auf ein Drittel gesunken.“ Auf einen „Beauty-Contest“ will Hofer die Politik dennoch nicht reduziert wissen. „Kandidat und Botschaft müssen übereinstimmen. Sebastian Kurz und der Slogan ,Zeit für Neues‘ war stimmig, obwohl Kurz bereits seit mehreren Jahren in der Bundesregierung gesessen war. Länger als sein Herausforderer Christian Kern von der SPÖ.“

Ähnlich „stimmig“ war für Politologe Filzmaier das Bild von Georg Willi in Innsbruck. „Willis Image war immer schon ein bürgerlich-liberales. Genau die passende Marke für die Wählerklientel in Innsbruck. Klassischer bürgerlicher Mittelstand, nicht reich, aber besser verdienend als der Schnitt.“

Trotz des Trends zum Spitzenkandidaten gebe es in Österreich mit Ausnahme der Bundespräsidentenwahl wenige direkte Personenwahlen. „Nur in sechs von neun Bundesländern gibt es eine Bürgermeister-Direktwahl“, sagt Filzmaier. Auch die Vergabe von Vorzugsstimmen könne dieses Manko kaum füllen. In Österreich sei das historisch bedingt. „Nach der Nazi-Diktatur wollte man den Führerkult nicht forcieren.“

Schönheit erhöht Chance auf Wahlerfolg

Studie: Seit 2002 misst ein Team um den Düsseldorfer Soziologen Ulrich Rosar die Attraktivitätswerte deutscher Bundestagskandidaten und vergleicht diese mit den Wahlerfolgen. Ergebnis der Wahl 2017: Es gibt einen signifikanten und sehr substantiellen Zusammenhang zwischen der Attraktivität und dem Wahlerfolg eines Kandidaten.

1779 Kandidaten geprüft: Die physische Attraktivität der Politikerinnen und Politiker wurde auf Basis von Portraitfotos bewertet. Hierzu wurden zwei Gruppen von jeweils zwölf weiblichen und zwölf männlichen Personen sämtliche 1786 Fotografien vorgelegt, die anschließend von ihnen auf einer siebenstufigen Skala von unattraktiv (0) bis attraktiv (6) eingestuft wurden. Insgesamt wurden somit 42.864 Attraktivitätsbewertungen vorgenommen. Die Ergebnisse aus Deutschland würden Studienergebnissen aus anderen europäischen Ländern gleichen, sagen die Autoren.

Zentrale Aussage: Die physische Attraktivität ist die zweitwichtigste Personeneigenschaft der Kandidaten, nur der Bekanntheitsstatus zeigte einen größeren Einfluss.

Die Wertung: Christian Lindner (FDP) ist unter allen männlichen Kandidaten mit 3,43 Punkten von 6 möglichen Skalenpunkten der attraktivste Politiker auf Bundesebene. Sarah Wagenknecht (Die Linke) ist mit 4,08 Punkten die attraktivste bundesweit bekannte Kandidatin. Angela Merkel (CDU) kommt auf 1,04, Martin Schulz (SPD) auf 1,67, Cem Özdemir (Die Grünen) auf 2,13 und Alice Weidel (AfD) auf 3,25 Punkte.

Glanz kann schnell verblassen

So viel der Spitzenkandidat bewegen kann, so schnell muss er handeln. Das ist, vereinfacht ausgedrückt, eine der Formeln zum Erfolg. „Der größte Fehler, den Christian Kern gemacht hat, ist, nicht gleich in Neuwahlen gegangen zu sein“, lautet der Befund von Politikwissenschafter Peter Filzmaier. 2016 wurde der ehemalige ÖBB-Manager Christian Kern zum Vorsitzenden der SPÖ und Bundeskanzler, eineinhalb Jahre später als solcher abgewählt.

Der heutige Kanzler, Sebastian Kurz, habe diesen Fehler nicht gemacht, erinnert Filzmaier. „Die Personenmarke leidet, wenn man gleichzeitig Parteichef ist. Das geschieht innerhalb eines Jahres.“

Für ebenso schädlich wie zu lange zu warten, hält Filzmaier das Engagement eines Landespolitikers in der Bundespolitik. 2013 führte Ingrid Felipe als strahlende Frontfrau die Grünen zum Wahlsieg und in die Landesregierung. 2018 hatte Felipe durch ihr Wirken als Bundesparteichefin an Glanz eingebüßt. Diese „Spagatfunktion“ verzeihe der Wähler in Tirol nicht, meint Filzmaier.

Die Konzentration auf die Spitzenkandidaten macht Politikberater Thomas Hofer in anderen Ländern bereits früher aus. Spitzenreiter seien wohl die USA.

Beispiele gibt es auch in Europa genug: In Deutschland hoffte die SPD auf den Schulz-Effekt. EU-Politiker Martin Schulz sollte seine Partei retten. Der Effekt hielt nach mehreren verlorenen Landtagswahlen nicht an. Aus dem Umfragehoch wurde eine Wahlniederlage. Schulz war nur ein Jahr SPD-Parteivorsitzender. Bei unseren südlichen Nachbarn ein ähnliches Bild: 2013 wird der Shootingstar Matteo Renzi zum Vorsitzenden der Partito Democratico gewählt. Nach dem Scheitern seiner Verwaltungsreform reichte er 2016 seinen Rücktritt ein.