Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 12.08.2018


Griechenland

Anschober: „Eine Schande für Europa“

Vergessen auf Lesbos. In Moria leben Tausende Flüchtlinge auf engstem Raum. LR Anschober berichtet von dramatischen Zuständen.

© AFPDas Leben in Moria spielt sich für Tausende auf kleinstem Raum ab.



Mytilini, Linz – 7478 Menschen leben hier. Es wäre die zweitgrößte Stadt auf Lesbos – wenn es denn eine wäre. Doch es ist Moria, ein Camp für Flüchtlinge, das für gerade einmal 2500 Personen ausgelegt war. Außerhalb hat sich inzwischen in den Olivenhainen wie eine Satellitenstadt eine wilde Zeltstadt gebildet, in der weitere 1850 Menschen warten. Warten, bis über ihre Zukunft und ihren Verbleib entschieden wird.

65 Prozent aller Flüchtlinge, die über die Ägäis nach Griechenland kamen, landeten zunächst auf Lesbos, erzählt der oberösterreichische Landesrat Rudi Anschober (Grüne), der sich dieser Tage ein Bild vor Ort macht. „Es sind wirklich dramatische Zustände“, erzählt er am Telefon der Tiroler Tageszeitung. Menschen aus 58 unterschiedlichen Nationen seien hier auf engstem Raum zusammengepfercht. Durch die Sprachenvielfalt sei die Verständigung untereinander, aber auch mit den Helfern, kaum möglich. Das größte Problem sei inzwischen der fehlende Schutz – besonders für Frauen. Gerade einmal acht Polizisten kümmerten sich um die Sicherheit in dem Camp. „Das ist viel zu wenig. Frauen erzählen, dass sie sich in der Nacht nur noch in Gruppen zur Toilette oder Dusche trauen. Und doch kommt es immer wieder zu Vergewaltigungen“, berichtet der Oberösterreicher. Schon jetzt sei die Situation unhaltbar, doch was ist, wenn ein harter Winter kommt, fragt sich der Integrations-Landesrat: „Moria ist eine Schande für Europa.“

Brüssel schicke Geld zur Unterstützung der griechischen Regierung nach Athen, sagt Anschober. „Aber hier sagt man, es komme nie an.“ Dabei bräuchte es dringend mehr Ärzte, Polizisten und Übersetzer in Moria. Er werde am Montag einen detaillierten Bericht an die EU-Kommission verfassen, damit endlich etwas geschehe. „Es braucht die Unterstützung der EU, und das Ressort von Kommissar Johannes Hahn sieht das auch so.“

Dass Camps aber auch anders funktionieren können, hat Anschober nicht weit weg in einem anderen Flüchtlingscamp namens Cara Tepe gesehen. Cara Tepe wird von der Stadt Mytilini geführt und biete einen guten Standard. Hier sei Platz für 1200 Menschen und die Stadt achte darauf, dass es auch nicht mehr werden. „Hier leben ausschließlich Familien. Es ist hell und freundlich, die Kinder gehen zur Schule, die Eltern können zum Einkaufen in die Läden gehen und selbst kochen, was ihnen eine Tagesstruktur gibt. So herrscht dort auch eine positive Stimmung“, erzählt Anschober. (sta)