Letztes Update am So, 12.08.2018 10:12

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Exklusiv

Migrationsexperte: Fliehende noch vor der Wüste versorgen

Der MCI-Professor Belachew Gebrewold über Sinn und Unsinn von Aufnahmezentren und über Europas Hausaufgaben in Sachen Migration.

© AFPSudans Armee rettet Flüchtlinge, die auf dem Weg nach Libyen von Schleppern in der Wüste sitzen gelassen worden waren.



Was halten Sie von der Idee, dass Europa außerhalb des EU-Gebiets Aufnahmezentren für Flüchtlinge baut?

Belachew Gebrewold: Der deutsche Innenminister Otto Schily hat das schon 2003 angeregt. Das wurde damals als absurd verworfen. Aber es kommt darauf an, wie man es organisiert. Wenn es um den Schutz von Menschen geht, dann finde ich Aufnahmezentren wichtig. Aber wenn es nur darum geht, sich abzuschotten, dann finde ich die Idee weder moralisch noch ökonomisch-politisch vertretbar.

Was können solche Aufnahmezentren leisten?

Gebrewold: Es geht um eine vorübergehende Aufnahme, bis man eine dauerhafte Lösung findet. Wenn schnell gearbeitet wird, kann das sinnvoll sein. Für Fliehende ist es schlimm, wenn sie ihren Asylantrag gestellt haben, aber lange nicht wissen, wie ihre Zukunft ausschaut. Natürlich braucht man auch eine Kooperation mit den Gastländern. Der politische, ökonomische und kulturelle Rahmen muss passen.

Das klingt nicht nach den Zentren in Nordafrika, die zuletzt wieder im Gespräch waren ...

Gebrewold: Ich bin dagegen, Aufnahmezentren in Nordafrika zu errichten. Ich bin für Zentren in den Herkunftsregionen.

Flüchtlinge in Gefangenschaft in Tripolis. Im libyschen Chaos endet für viele die gefährliche und teure Reise.
- AFP

Was spricht denn gegen Nordafrika?

Gebrewold: Erstens ist die Strecke bis dorthin sehr weit. Auf den Tausenden Kilometern durch die Wüste sind die Fliehenden den Menschenhändlern ausgeliefert, und viele sterben unterwegs.

Zweitens kommt es in Nordafrika zu rassistischen Übergriffe gegen Schwarzafrikaner. Viele Araber assoziieren Schwarzafrikaner negativ. NGOs berichten von Übergriffen und Sklavenhandel.

Drittens machen sich viele Afrikaner, die in Libyen warten, viel zu große Hoffnungen. Sie meinen, dass sie es jetzt, wo sie Europa näher gekommen sind, schaffen werden.

Daher wäre es für mich praktischer, Aufnahmezentren in den Herkunftsregionen zu errichten. Man könnte dort auch besser unterscheiden, wer Schutz braucht und wer bessere Lebensbedingungen sucht. Letzteres ist zwar legitim, man kann es aber nicht jedem anbieten.

Es heißt oft, dass die meisten Menschen keine Aussicht auf Asyl haben. Damit wären die Aufnahmezentren in der Praxis hauptsächlich Rückführungszentren ...

Gebrewold: Das könnte sein. Aber auch deshalb wären regionale Zentren sinnvoller. Diejenigen, die wirklich in Gefahr sind und oft ohne Hab und Gut und ohne Planung losrennen mussten, die schaffen es viel eher noch in einen Nachbarstaat als bis nach Libyen. Daher verstehe ich die europäische Debatte nicht, die ständig den Fokus auf Nordafrika legt.

Belachew Gebrewold, Professor für Internationale Politik und Migrationsforscher, leitet das Department für soziale Arbeit am Management Center Innsbruck. Die UNO hat ihn mehrfach in Beratergremien berufen.
- Gebrewold

Aber warum sollten afrikanische Länder den Europäern helfen, ihre Probleme zu lösen?

Gebrewold: Das ist die entscheidende Frage. Es gibt aber schon eine Grundlage für eine Zusammenarbeit, etwa die gemeinsame Erklärung von europäischen und afrikanischen Staaten 2015 in Valletta. (Darin heißt es, dass Herkunfts-, Transit- und Zielländer gemeinsam für Migration verantwortlich sind, Anm.) Jetzt geht es um die Umsetzung einer gemeinsamen Migrationspolitik.

Es braucht ein Entgegenkommen von afrikanischen Staaten, aber auch Anreize von europäischer Seite, dass man etwa die Aufnahmezentren baut, das Personal stellt und die Kosten übernimmt.

Muss Europa zugleich auch legale Migration ermöglichen?

Gebrewold: Schon seit 2006 läuft der Rabat-Prozess, an dem alle EU-Staaten und viele afrikanische Staaten beteiligt sind. In den Dokumenten der Ministerkonferenzen steht klar drin, dass man legale Migration ermöglichen soll. Damit waren meistens Arbeitskräfte gemeint, die in den Zielländern benötigt werden, sowie der Austausch im Bildungs- und Kulturbereich. Legale Migration könnte aber auch bedeuten, dass man Leute nach Europa bringt, die Schutz brauchen. Es sollte nicht allein der wirtschaftliche Gewinn eine Rolle spielen.

In Europa scheinen aber viele überhaupt niemanden mehr hereinlassen zu wollen, weder legal noch illegal ...

Gebrewold: Das ist heutzutage illusorisch. Die Welt ist ökonomisch, finanziell, ökologisch, politisch und kulturell vernetzt und das wird gegen eine Abschottung wirken. Wichtig ist, dass man Migration auch als Chance sieht und nicht allein als Gefahr. Sie kann viel beitragen zur globalen Wirtschaft. Die Frage ist, wie man Migration steuern kann, damit es nicht zu Missbrauch kommt und die Mafia keinen Gewinn daraus zieht. Man kann auch als liberal denkender Mensch nicht leugnen, dass es Leute gibt, die das System ausnützen.

Wie hat sich die Migrationsdebatte seit dem dramatischen Sommer 2015 verändert?

Gebrewold: 2015 war es anfangs berührend zu sehen, wie bereit die Gesellschaft war, Fliehende zu unterstützen. Im Kopf geblieben ist mir etwa das Bild von einem deutschen Polizisten, der einem Flüchtlingskind seine Mütze aufgesetzt hat.

Aber der Staat war damals nicht auf so viele Fliehende vorbereitet und die Zivilgesellschaft war überfordert. Die rechten, radikalen Parteien haben das ausgenützt. Sie haben gegen den Staat und die Hilfsbereiten, vor allem aber gegen Flüchtlinge mobilisiert. Wenn der Staat und die Zivilgesellschaft nicht wieder erstarken, dann entwickelt sich Europa in eine sehr gefährliche Richtung.

Was müsste geschehen, um das zu verhindern?

Gebrewold: Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hat gesagt, wir brauchen Verantwortung und Solidarität. Die politische Führung muss der Bevölkerung gegenüber Verantwortung zeigen. Man muss akzeptieren, dass es Probleme gibt und dass Leute ängstlich und hilflos geworden sind. Außerdem braucht es Solidarität mit den Fliehenden.

In der Zivilgesellschaft muss das Mitgefühl gerettet werden, das wir 2015 erlebt haben. Dafür braucht es mehr Thematisierung in den Schulen und eine sachliche Diskussion über die Vorteile und Risiken von Migration. Keine Gesellschaft bleibt, wo sie war. Die Frage ist, wie wir die Veränderung gestalten. Leugnen ist das Schlimmste, was man machen kann.

Das Gespräch führte Floo Weißmann