Letztes Update am Sa, 08.09.2018 07:07

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Blick von Außen

Unabhängigkeit in Spanien: 1714 oder das Trauma der Katalanen

Die tiefe Kluft zwischen Madrid und Barcelona und die einstige Rolle Österreichs und TirolsEin anderer Blick auf die Unabhängigkeitsbewegung Kataloniens gegen den Nationalstaat Spanien.

© TTDie Unabhängikeitsforderungen haben die alte Feindschaft zwischen Barcelona und Madrid wieder aufleben lassen.



Von Norbert Hölzl

Am kommenden Nationalfeiertag, dem 11. September, erwartet Barcelona 350.000 Demonstrante­n:

Und was hat das alles mit Österreich zu tun?

Wenn der FC Barcelona gegen seinen Erzrivalen Real Madrid spielt, wird in Barcelona nach 17 Minuten und 14 Sekunden die Flagge Kataloniens entrollt und durch das Stadion dröhnt „Independencia!“. 1940 gewann Barcelona 3:0. Beim Rückspiel in Madrid bat die Polizei, doch Madrid gewinnen zu lassen. Sie befürchtete Ausschreitungen. Barcelona ließ sich mit 11:1 besiegen. Leider fehlte jedes befreiende Lachen.

Aber in Diktaturen wird nicht gelacht. Schon gar nicht in Spanien. Die Franco-Diktatur von 1939 bis 1975 erstickte jede Unabhängigkeitsbewegung. Am Nationalfeiertag, dem 11. September – ein viel tragischeres Ereignis als New Yorks 9/11 –, erlebte Barcelona nach Francos Tod eine der größten Demonstrationen Europas mit einer Million Katalanen. Heuer werden 350.000 erwartet. 1800 Busse stehen bereit.

Prügelszenen aus dem Jahre 2017

Am 1. Oktober des Vorjahres sah Europa fassungslos die TV-Bilder: Die Guardia Civil verprügelte Bürger, die zur Abstimmung über die Unabhängigkeit anstanden. Der Regionalpräsident Puigdemont flüchtete nach Brüssel. Seine Mitstreiter wurden verhaftet. Dann war Europa noch einmal fassungslos über die Ansprache des Königs. Normalerweise sprechen Monarchen wie Bundespräsidenten mit den Streitparteien und fordern zu Verhandlungen auf. Felipe VI. hielt eine Philippika gegen Katalonien. Er ist seither verhasst wie sein Ahnherr Felipe V. Auch Parteien in Madrid kritisierten, er habe die Chance verpasst, König aller Spanier zu werden. Er habe weder „Mitgefühl noch Verständnis“ gezeigt.

Schuld ist die Erziehung. Thronfolger lernen nur von der Überlegenheit der eigenen Dynastie. Die Katalanen haben die Bourbonen, diese arrogantest­e Dynastie Europas, nie akzeptiert. Felipes Vater Juan Carlos sprach nur abfällig über sie. Die konservative Regierung Rajoy, die am 10. Juni 2018 gestürzt wurde, forderte für Puigdemont 30 Jahre Haft wegen Rebellion und die Auslieferung von Deutschland. Ein deutsches Gericht fällte das erste vernünftig­e Urteil seit über 300 Jahren. Es sah keine Gewalt und daher keine Rebellion.

Groß sind die Scharfmacher Felipe und Rajoy nur äußerlich mit ihren 197 cm und 190 cm. Vor drei Wochen, am Jahrestag des islamistischen Anschlages am 17. August, wurde der König in Barcelona angepöbelt. Das würde keinem anderen Monarchen passieren.

Vor 84 Jahren war alles ähnlich. 1934 rief der Regionalpräsident die Republik Katalonien aus, denn so wie heute wurde die Autonomie drastisch eingeschränkt. Die Republik bestand 10 Stunden. Die Spitzenpolitiker wurden zu 30 Jahren Haft verurteilt. Mit dem Sieg der Linksparteien in Madrid zwei Jahre später waren sie frei. Sie verteidigten Barcelona 1938/39 gegen die Truppen Francos. Nach der Niederlage fanden sie Asyl in Frankreich. Die Gestapo lieferte sie an Freund Franco aus. Die Hinrichtung erfolgte am 15. Oktober 1940.

Der Krieg um Spanien beginnt in Tirol

Kataloniens Tragödie beginnt 1700. 39-jährig, degeneriert und kinderlos, stirbt Karl II., der letzte König der Casa de Austria. Die Spanier sagen nie Habsburg, sondern Los Austria­s. Katalonien entscheidet sich für den österreichischen Thronanwärter, den späteren Kaiser Karl VI., den Vater Maria Theresias. „Das Ungeheuer“ in Paris, wie man den so genannten „Sonnenkönig“ Ludwig XIV. außerhalb Frankreichs nannte, lässt seinen dementen Enkel als Felipe V. zum König von Spanien ausrufen. Dem Reichskrieg gegen Frankreich schließen sich die Niederlande an, Portugal und England. England will kein übermächtiges Frankreich. Nur Bayern verbündet sich mit Frankreich, um Tirol zu erobern, obwohl ein Krieg gegen den eigenen Kaiser ein Kriegsverbrechen war.

Die bayerische Invasionsarmee marschiert 1703 in Kufstein ein. Die Schützen werfen sie bei Scharnitz hinaus. Diesen glänzendsten Sieg Tirols verpatzen Lokalhistoriker mit dem patscherten Begriff „Bayerische­r Rummel“, als wäre es eine Oktoberfestschlägerei. Die Annasäule in Innsbruck ist die erste Erinnerung dieses großen Krieges, die konservierten Grundmauern der zerschossenen Gebäude in Barcelona elf Jahre später sind die letzten.

Die weiteren Siege übernehmen Prinz Eugen und sein Verbündeter, der Herzog von Marlborough, ein Vorfahre von Winston Churchill. 1709 war „Das Ungeheuer“ in Paris zu Verhandlungen bereit. Den Frieden verhinderte Prinz Eugen mit maßlosen Forderungen. Er wollte jenen Sonnenkönig demütigen, der ihn als kleinen unschönen Prinzen abwies. Der Politiker Eugen ruinierte alle Siege des Feldherrn Eugen.

Pech für Österreich und Katalonien

1711 stirbt in Wien 31-jährig Kaiser Joseph I. Und alles ist anders in Europa. Karl, der in Spanien um die Krone kämpft, muss als Karl VI. Kaiser werden. Damit droht dieselbe österreichische Übermacht wie unter Karl V., der Kaiser des Reiches und zugleich König von Spanien war. England führt Geheimverhandlungen mit Frankreich gegen Österreich. 1713 erhalten die Bourbonen den spanischen Thron. Dort sitzen sie heute noch.

Zu den lange verbotenen Demonstrationen am Nationalfeiertag in Barcelona kamen von 1977 bis 2017 jeweils bis zu einer Million Katalanen.
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Nur Katalonien kämpft weiter für die Casa de Austri­a. 14 Monate wird Barcelona belagert. Die Eingeschlossenen führt ein spanischer Feldherr, der die Seiten wechselte, Antonio de Villarroel. Als ein Massaker droht, schlägt er Kapitulationsverhandlungen vor. Die Bürger kämpfen weiter. Österreich schickt seinem Helden ein Kriegsschiff und bietet ihm die Stelle eines Feldmarschalls in Wien an. Er eilt zum Schiff, kehrt aber um. Er will mit seinen Männern sterben. Er wird schwer verwundet und nach der Eroberung Barcelonas am 11. September 1714 entgegen allen Vereinbarungen von den Bourbonen gefoltert. Er ist Spaniens unbequemster Held bis heute.

General Josep Moragues versucht von Mallorca aus für Austria zu kämpfen. Er wird geköpft. Sein Kopf hängt 12 Jahre öffentlich in Barcelona. Katalonien, die einst reichste Provinz Spaniens, wird verwüstet.

Arbeit oder Stierkampf, ein Widerspruch

Sánchez Piñol schreibt in seinem Buch „Der Untergang Barcelonas“ 2012, Katalonie­n habe eine andere Sprache und Kultur als Spanien. Das einzig Gemeinsame sei der Heiligenkalender. Die Katalanen verabscheuen Stierkämpfe. Für vornehme Spanier galt Arbeit als Schande. Für einen Katalanen galt es als Schande, nicht zu arbeiten. Die reichen Kaufleute waren immer in Barcelona, und nicht erst seit es die größte Industriestadt Spaniens ist, fühlt es sich von Madrid ausgenützt.

Wir sehen die Iberische Halbinsel als Einheit. Es ist eine Vielvölkerregion. Die Grenze zwischen Spanien und Portugal ist die älteste stets gleich gebliebene Grenze Europas. Sie trennt zwei Mentalitäten. Davon träumt Katalonien.

Eine Versöhnung bahnte sich 2006 mit der neuen Autonomie an. Doch Zentralregierung und König erzwangen die Aufhebung durch das Verfassungsgericht 2010. Die Katalanen bitten heute die EU ebenso vergeblich um Vermittlung wie einst die Vorfahren ihre Verbündeten England und Österreich.

Norbert Hölzl war langjähriger Mitarbeiter im ORF-Landesstudio in Tirol. Hölzl schuf dabei für den ORF zahlreiche Dokumentationen über Südamerika sowie die Filme „Öster­reich – Spanien“ und „Innsbruck – Toledo“.
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Etwas Großartiges ist in Österreich noch sichtbar von seinem letzten Kampf um Spanien. In Innsbruck ist Maximilian umgeben von bedeutenden Herrschern. Es war Propaganda: Nur dem Haus Österreich steht die Kaiserwürde zu. Nach diesem Vorbild ließ Wien seine Hofkünstler, die Tiroler Brüder Strudel, eine Habsburgergalerie schaffen, um sein Anrecht auf den spanischen Thron zu zeigen. Es ist das erste Monumentalwerk aus Laaser Marmor, heute der teuerste der Welt. 31 überlebensgroße Herrscher waren 1714 fertig, im Jahr des Verlustes von Barcelona. Damit war der politische Sinn erloschen. Übrig bleibt die Kunst. Die meisten Figuren stehen im Prunksaal der Nationalbibliothek.

Nicht nur Marmor verbindet Tirol und Katalonien. Beide Landesfeiertage erinnern an die tiefste Erniedrigung. Die Hinrichtung der Verteidiger Barcelonas als Rebellen und nicht als Soldaten gleicht jener des Andreas Hofer durch die Wut Napoleons über die Vorbildwirkung des Alpenvolkes für die Freiheitskämpfer Spaniens und Portugals. Die Katalanen hatten ähnliche Sonderrechte wie die Tiroler. Auch sie waren nur zur Verteidigung der Landesgrenzen verpflichtet. England garantierte die alten Rechte, rührte aber keinen Finger.

England erfreute sich am Erwerb Gibraltars, an französischem Kolonialbesitz in Nordamerika und an der Schwächung Europas. Manche nennen den 11-jährigen Erbfolgekrieg einen ersten Weltkrieg. Auch so etwas wie der Brexit ist nicht zu übersehen. Für die Katalanen hat sich in 300 Jahren nichts geändert. In Madrid gelten sie als Rebellen. 30 Jahre Haft drohen Puigdemont heute noch wegen Rebellion.